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"Le
terreur et les gènes" - "Von Terror und von Genen"
von Peter Sloterdijk
Es soll einen chinesischen Fluch gegeben haben, der inzwischen auch
das Abendland erreicht hat und gelegentlich von westlichen Rednern
zitiert wird. Er lautete: "Möge es dir beschieden sein,
in einer interessanten Zeit zu leben." Dieser Fluch hat sich
für uns auf ziemlich dramatische Weise erfüllt. Wir sehen
uns heute auf informative Art doppelt verflucht. Zwei Interessantheiten
von eminentem Gewicht haben die Themenlandschaft des letzten Jahres
überschattet. Das Hereinbrechen dieser unerbittlich interessanten
Themen hat uns im übrigen darüber aufgeklärt oder
zumindest wieder daran erinnert, dass moderne Gesellschaften in
ihrem massenmediatisierten Aggregatszustand in erster Linie Themenbörsen
sind, in denen Aktualitäten emittiert und in Tagesgeschäften
gehandelt werden. Zum Wesen solcher Aktualitätengeschäfte
gehört, dass jedes diensthabende Thema nur solange handelbar
ist, bis es durch eine neue Höchst-Aktualität verdrängt
wird.
An keinem Themenwechsel lässt sich dies besser studieren als
an den beiden großen Sujets des laufenden Jahres, zum einen
der Thematik der Biotechnologie, die uns während des größten
Teiles des Jahres 2001 in Atem gehalten hat, bis die andere Aktualität
hereinbrach, die wir vereinfachend unter dem Begriff "Terrorismus"
zusammengefasst und obendrein mit dem irreführenden Zusatz
Krieg gegen" versehen haben. Auf intuitiver Ebene ist
uns schon heute gegenwärtig, dass diese beiden Motive zu den
künftigen Langzeitthemen der Zivilisation gehören werden.
Die aufkommende Biotechnologie ist zwar seit dreißig Jahren
hinter halbgeschlossenen Türen ausführlich diskutiert
worden - schon in den 60er Jahren reflektierte man auf Tagungen
deutscher evangelischer und katholischer Akademien in freimütig-besorgtem
Ton über Richtungen möglicher Menschenzüchtung -
der Ausdruck war zu jener Zeit im Mund von vorausblickenden Theologen
gängig; bereits um 1980 hat der amerikanische Präsident
eine Studie über Genetic Ingeneering in Auftrag gegeben
und damit kundgetan, dass auch im politischen Machtzentrum damals
schon eine Sensibilität für die Thematik vorhanden war.
Aber erst die wissenschaftlichen und publizistischen Durchbrüche
der letzten beiden Jahre haben biotechnische und bioethische Fragen
auf der politischen und kulturellen Agenda so weit nach vorne gebracht,
wie wir es zwischen dem Herbst 1999 und dem Sommer des Jahres 2001
erlebt haben.
Ähnliches lässt sich vom Terror sagen, der moderne Gesellschaften
seit nahezu einem Jahrhundert begleitet und doch erst nach dem 11.
September mit einem jähen Qualitätssprung zu einer allesüberragenden
Präsenz im Bewusstsein medienabhängiger Bevölkerungen
aufgestiegen ist. Das wichtigste, was man zur Zeit über den
Terrorismus wissen muss, ist, dass er keineswegs eine Erfindung
der 80er oder der 90er Jahre des abgelaufenen Jahrhunderts darstellt.
Man kann den Eintritt des Terrorismus in die weltpolitische Szene,
von den anarchistisch-nihilistischen Vorspielen im 19. Jahrhundert
abgesehen, auf Tag und Stunde genau datieren. Der kritische Zeitpunkt
ist der 22. April 1915, als um 18.00 Uhr abends an der Nordflanke
von Ypern ein deutsches Gasbataillon, das erste seiner Art, einen
Chlorgasangriff gegen französische Stellungen lancierte. In
den Wochen zuvor hatten deutsche Soldaten, vom Gegner unbemerkt,
5700 Gasflaschen in die Gräben dieses Frontabschnitts eingebaut
und von da an auf günstige meteorologische Bedingungen gewartet.
Als schließlich der Wind mit den Deutschen war, erfolgte der
Befehl zum Öffnen der Flaschen. Mehr als 150 Tonnen Chlorgas
strömten aus und bildeten eine 6 Kilometer breite und zwischen
600 und 900 Meter tiefe Wolke, die mit einer Geschwindigkeit von
zwei Metern pro Sekunde auf die französische Front zutrieb.
Ob es dabei Tausende von Toten gab oder nur" wenige Dutzend,
gehört bis heute zu den ungeklärten Fragen der Militärgeschichtsschreibung.
Sicher ist hingegen, dass dies die Geburtsstunde des modernen Terrorismus
darstellt.
Der 22. April 1915 ist ein Zentraldatum der jüngeren Weltgeschichte,
auch wenn die aktuelle Erinnerungskultur wenig Anzeichen dafür
bietet, dass sie bereit wäre, diese Vorgänge gebührend
zu würdigen. Das Ereignis von Ypern in Erinnerung zu halten,
ist heute angesichts einer allgemeinen semantischen Konfusion durch
das Politiker-Gerede von Terror und Krieg ein Gebot der intellektuellen
Redlichkeit. Im Jahr 1915 ist der Terrorismus als Element des staatlichen
Normalkrieges eingeführt worden und hat seither nicht aufgehört,
in der Kriegführung von Staaten eine zentrale Rolle zu spielen.
Der ideologisch oder religiös motivierte Banden- und Sektenterrorismus
ist demgegenüber seit jeher eine eher marginale Erscheinung
geblieben, auch wenn er heute übergroß im Zentrum der
Aufmerksamkeit steht.
Terrorismus ist eine Kampfmethode, kein Personenkreis, das ist gerade
jetzt eine wichtige Feststellung, die im Interesse semantischer
Hygiene geltend gemacht werden muss. Deswegen ist die allgegenwärtige
Politiker-Formel vom Kampf gegen Terrorismus" ein Nonsense-Ausdruck.
Gegen eine Methode kann man nicht kämpfen, man kann nur dafür
sorgen, dass sie nicht angewandt wird. Daher ist es höchste
Zeit, von der irreführenden Semantik des Krieges abzugehen
und auf die allein angemessene Sprache einer Verbrechensbekämpfung
auf umfassenderem Niveau zurückzukommen.
Ich möchte vier Kriterien nennen, die für die Bestimmung
dessen, was Terrorismus eigentlich sei, von Relevanz sind. Die erste
und allgemeinste Definition des modernen Terrors besteht darin,
dass er den Feind nicht bei seiner militärischen Abwehr, sondern
lateral angreift: von der Umwelt her, oder wie man am Beispiel des
Gasangriffs von Ypern erkennt: von der Atemluft ausgehend. Dies
erklärt sich nicht zuletzt aus der kriegstechnischen Situation
an der Westfront seit dem Herbst 1914, als sich die Soldaten gegen
die direkte Wirkung von Gewehrkugeln, zum Teil auch die von Brisanzgeschossen
durch Eingraben geschützt hatten, so dass sich der Gedanke
an ihre Tötung durch eine chemische Atemwaffe gewissermaßen
nahelegte. Im Gaskrieg vollzog sich die Umstellung vom direkten
Angriff auf den Feind zum Angriff auf die Umwelt des Feindes. Diese
Wendung bleibt für alle Arten des Terrorismus grundlegend:
Terrorismus ist wesensmäßig umweltterroristisch und atmoterroristisch
angelegt. Sein bevorzugtes Medium ist die Luft, die durch ihre Unsichtbarkeit
und allgemeine Ausbreitung das ideale Medium für den Einsatz
von unwahrnehmbaren Giften darstellt. Kein Wunder, dass das 20.
Jahrhunderts, als eigentliche Matrix des Terrors, ein Zeitalter
der Luft-Waffen" und des Todes aus der unlebbar gemachten
Umwelt gewesen ist. Die aktuellen Eskalationen arbeiten diese Tendenzen
aus.
Das zweite Kriterium des Terrors ist die attentäterische Qualität
seines Einsatzes: der Terrorist nutzt Lücken in der Abwehr
des Feindes aus, indem er ihn in ungeschützten Augenblicken
ohne Vorwarnung angreift. In diesem Sinn läßt sich sagen,
dass der Terrorist seine Opfer besser versteht als sie sich selbst
verstehen, er spürt Schwachstellen im Immunsystem des Gegners
auf und greift von diesen her an, weswegen bei den Attackierten
oft der Eindruck entsteht, es mit einem dämonischem Gegenüber
zu tun zu haben, gegen das man sich nur unter Einsatz ungeheurer
Gegenmaßnahmen zur Wehr setzen könne. Die Botschaft des
Attentäters lautet stets: du musst dein Leben ändern.
Weil der Terror mit atmosphärischen Waffen arbeitet, ist es
schwierig, wenn nicht unmöglich, seinen Wirkungsbereich abzugrenzen:
auch wenn er de facto nur wenige Opfer fordert, greift er tief in
die moralischen Lebensbedingungen der Angegriffenen ein.
Für das Verständnis der aktuellen Phänomene ist das
dritte Merkmal des Terrors das bedeutsamste: Der Terror setzt die
innere kommunikative Leitfähigkeit der angegriffenen Lebenswelten
voraus und spielt daher stets auf der Klaviatur der autogenen Ängste.
Deswegen koexistiert der Terror mit der Mediengesellschaft und ist
außerhalb derselben nicht denkbar. So schrecklich die einzelnen
Terror-Aktionen sein mögen: sie bleiben naturgemäß
auf punktuelle Aktionen beschränkt. Sie wären quantitativ
nahezu bedeutungslos, wenn sie nicht in die Selbstgespräche
der angegriffenen Partei übersetzt würden und dort in
tausendfacher Vergrößerung zur Wirkung kämen. Daher
kann man den inneren Zusammenhang zwischen Terror und modernen Massenmedien
niemals hoch genug veranschlagen. Weil Massenmedien ihrer primären
Funktionsweise nach immer schon Instrumente der Selbstirritation
und der Selbsthysterisierung von übermediatisierten Gesellschaften
sind, hängen sich Terrornachrichten als ideale informative
Viren in das System der Tagesnachrichten und Sondersendungen ein.
Sie lösen sofort eine Art von unfreiwilligem Krieg der Medien
gegen die eigene Bevölkerung aus, ein Phänomen, das sich
zwischen 1914 und 1918 zum erste Mal vollständig entfaltet
hatte. In der Kommunikation über Terror kommen die modernen
Massenmedien zu sich. Die diesbezüglichen Einsichten von Karl
Kraus sind wieder so aktuell wie zu der Zeit, als er Die letzten
Tage der Menschheit aus den Zeitungen exzerpierte. Nie ist das
Medium so sehr es selbst, wie wenn es von der Angst berichten kann,
die durch seine Berichterstattung erst entsteht.
Zum Verständnis der aktuellen Terrorismus-Unruhe ist ein viertes
Moment in Betracht zu ziehen, mit dem wir auf das mögliche
Gefälle zwischen dem Produzenten und dem Benutzer terroristischer
Waffen aufmerksam werden. Beim deregulierten und entstaatlichten
Terror, der zur Zeit viel mehr Aufmerksamkeit bindet als der Staatsterrorismus,
treten Terroristen auf, die zu ihren Kampfmitteln, es seien Bomben,
Flugzeuge oder biochemische Substanzen, evidentermaßen ein
bloßes Benutzerverhältnis haben. Der aktuelle Terrorist
ist ein User von Material, zu dessen internen wissenschaftlichen
und technischen Bedingungen er kein koproduktives Verhältnis
hat, so wenig wie ein durchschnittlicher jugendlicher Pophörer
in einer verstehenden Beziehung zu der Elektronik steht, die seine
Musikekstasen ermöglicht.
Der deregulierte Terror funktioniert also nach dem Prinzip der Zwei-Komponenten-Waffen,
wobei an der einen Stelle die Kampfmittel erzeugt werden, an der
anderen Stelle die Gesinnungen, die am Einsatz solcher Mittel interessiert
sind. Unter den gegenwärtigen Bedingungen werden nun die beiden
Komponenten in wilden Improvisationen zusammengebaut, mit dem Ergebnis,
dass die kompetenten Produzenten der gefährlichsten Waffen
ihre Kontrolle über diese verlieren und damit rechnen müssen,
dass diese auf unvorhersehbare Weise gegen sie selbst gewendet werden.
Die westliche Zivilisation begegnet im islamistischen User-Terrorismus
einem abgespalteten Aspekt ihrer selbst. Wenn auch die radikalen
Islamisten intellektuell 700 Jahre vor der Entwicklung einer eigenen
Nuklearphysik und einer entsprechenden Bombe leben, und ebenso lange
vor einer kriegstauglichen Biologie und Chemie, als Anwender vorhandener
westlicher Technologie sind sie Zeitgenossen, so wie seit dem Aufklaffen
des Gefälles zwischen Hochkulturen und Stammeskulturen die
Barbaren" die Zeitgenossen der Zivilisierten"
sind, mit dem Unterschied, dass heute die deklarierten Feinde des
Westens die internen barbarischen Potentiale der westlichen Zivilisation
aufgreifen und sie mit furchtbarer Ironie gegen sie kehren.
*
Es ist nicht zu verkennen, dass wir in einer geschichtlichen Phase
leben, in der sich etwas zurückmeldet, was man im 19. Jahrhundert
den Primat des Politischen genannt hat. Wir scheinen zu einer Situation
zurückzukehren, in der die Stunde der Staaten von neuem schlägt.
Der entsprechende Trend stammt allerdings nicht von gestern und
heute. Seit mindestens zwei Jahrzehnten kämpfen die Sozialdemokratien
in aller Welt gegen das an, was sie als Neoliberalismus bezeichnen,
und ihr Kampf hiergegen stand von Anfang an im Zeichen einer Neubetonung
von Staatskompetenzen. Sozialdemokratien müssen per se
an einer ausgebauten Staatlichkeit interessiert sein, weil sie ohne
den starken Steuerstaat nicht existieren können, und ohne den
glaubhaften Sicherheitsstaat nicht an der Macht bleiben. Die aktuelle
politische Theorie arbeitet daran, die unentbehrlichen Staatsleistungen
angesichts einer globalisierten Weltwirtschaft neu zu buchstabieren.
Vor diesem Hintergrund hätte den politischen Klassen des Westens
nichts Besseres passieren können als die Herausforderung der
Zivilisation" durch den Terrorismus". In der gegebenen
Lage kommt die Profilierung des Staates als eines unersetzlichen
Sicherheits-Providers ganz vorne auf die Bewusstseins-Agenda moderner
Gesellschaften. Hatte man von wert-konservativer Seite bereits während
der Gen-Debatte nach dem Staat als Normensetzer und Hüter von
Grenzen gerufen, so wird während der aktuellen Terror-Hysterie
der Staat vollends als Akteur aller Aktionen und Garant aller Garantien
in Anspruch genommen. Dass dies eine illusorische Konjunktur darstellt,
ist eine Einsicht, auf die man erst später zurückkommen
wird.
*
Selbstverständlich ist die gegenwärtige Situation für
einen offenen Diskurs über die Gentechnik nicht günstig.
Es ist offenkundig absurd, über eine wie auch immer hypothetische
genetische Verbesserung der conditio humana zu sprechen,
während gleichzeitig der Anschein hervorgerufen werden soll,
es seien die elementarsten Sicherheitsprämissen menschlicher
Existenz nicht mehr gewährleistet. Warum also von der genetischen
Front her die menschlichen Lebensbedingungen optimieren wollen,
wenn gleichzeitig eine Destabilisierung primitiver Sicherheitserwartungen
wahrgenommen wird? Wie soll man an dem genetischen Primärtext
rühren, während die kulturelle Sekundärliteratur
in einer schrecklichen Weise floriert? Man muss allerdings nur einen
Blick auf die zur Zeit aktiven Terroristen werfen, um zu begreifen,
dass sie nicht den geringsten direkten Bezug zu den Themen mitbringen,
die die westliche Welt im letzten Jahr in Leidenschaft versetzt
haben. Kein islamistischer Kämpfer ist in vitro fertilisiert
worden, keiner von ihnen hat ein Gen zuviel oder ein Gen zu wenig.
Die Herren sind naturbelassene Schurken, die aus der Hand der tradierten
Verhältnisse hervorgegangen sind, ohne dass ein Doktor Frankenstein
sich an ihrem genetischen Material zu schaffen gemacht hätte.
Sie treten als metaphysische Machos von klassischem Zuschnitt auf,
ohne jedes positive Verhältnis zu dem Abenteuer der westlichen
Zivilisation, das sich in der vorsichtigen Emanzipation der Menschen
von den Fatalitäten der Fortpflanzung ausdrückt, nicht
zuletzt in der Befreiung der Frauen von einer zwanghaften Zuordnung
zur Mutterfunktion.
Nichtsdestoweniger bin ich der Meinung, dass der aktuelle jähe
Umschwung des öffentlichen Interesses vom Genetik-Thema zum
Terror-Thema mehr ist als eine Medienlaune. Die beiden Themen sind,
wie ich meine, intern miteinander verknüpft, auf wie immer
unterirdische Weise. Wenn die diskutierende Gesellschaft unter dem
Druck der Aktualität vom Thema der biologischen Optimierung
des Menschen umstellt auf die Frage nach dem terroristischen Verbrechen,
nach dem radikal Bösen und seinen Gründen, dann tauscht
sie nur eine der ewigen Sorgen gegen die andere aus. Die Sorge um
die Fortpflanzung und die Sorge um die Sicherung gegen das Böse,
dies sind seit jeher Primärthemen der Kulturen. Indem die Öffentlichkeit
des Jahres 2001 über Genetik und Terrorismus diskutiert, handelt
sie nur im Jargon der Zeit von den aktuellen Manifestationen des
unüberwindlichen Interesses an Nachkommen und an Immunität.
Ich möchte den Vorschlag machen, die Situation zu nutzen, um
von den Verwicklungen der unproduktiv überhitzten deutschen
Gentechnik-Debatte einen Schritt zurückzutreten und zu fragen,
worum es unserer Gesellschaft eigentlich zu tun ist, seit sie sich
vor mehr als zweihundert Jahren auf das Experiment der beschleunigten
und kumulativen Modernisierungen einließ.
Werfen wir einen distanzierten Blick auf die geistesgeschichtliche
Konstellation, so ergibt sich etwa folgendes Bild: Wir haben uns
klar zu machen, dass in ihr der stärkste Gedanke des 19. Jahrhunderts,
die Idee der Evolution, mit dem Hauptmotiv des 20. Jahrhunderts,
dem Prinzip der technischen Konstruktion, zusammengeflossen ist.
Evolutionismus trifft Konstruktivismus: diese Überschrift steht
über dem Hauptereignis auf der kognitiven Weltbühne unserer
Zeit. Die Begegnung hat einen Intensitätsgrad erreicht, die
noch vor wenigen Jahrzehnten in dieser Form nicht denkbar gewesen
wäre. Wenn Konstruktivismus Evolutionismus trifft, fängt
eine ganze Zivilisation an, darüber zu diskutieren, ob es zu
allem, was der Fall ist, Alternativen gibt. Damit schlägt öffentlich
die Stunde des Funktionalismus. Das funktionale Denken, bislang
eine esoterische Affaire von Technikphilosophen und Kybernetikern,
tritt heute in seine Popularisierungsphase ein. Das ist mehr als
eine Reformation, es führt zu nicht weniger als einer Mutation
im Stil des Menschseins überhaupt. Die Mitspieler der Hochkulturen
haben sich während der letzten 2500 Jahre im wesentlichen als
Essentialisten oder als Substantialisten dargestellt. Sie haben
daher, wenn sie etwas genau wissen wollten, nicht anders gekonnt,
als scharfe Was-Fragen (oder allenfalls Wer-Fragen) zu stellen,
eben wie der Erzvater der alteuropäischen Rationalitätskultur,
Sokrates, es vorgemacht hatte. Mit Hilfe solcher Fragen glaubten
sie, ins Herz der Wirklichkeit vorzudringen. Die Welt von gestern
legte das natürliche und soziale Universum als einen Essenzen-Kosmos
aus, in dem alles in eben dieser und keiner anderen Gestalt aus
den Händen der schöpferischen Primärintelligenz,
die wir Gott nannten, hervorgegangen war. Daher waren die Bewohner
dieser Welt in erster Linie von der Sorge bewegt, die ewigen Normen
zu treffen und sich in den umfassenden Ordo einzugliedern.
Wenn das 20. Jahrhundert aus der Sicht der Traditionalisten einen
häretischen Grundzug aufweist, dann nicht zuletzt deswegen,
weil es begonnen hat, auf breiter Front Wie-Fragen zu stellen. Wer
wie funktioniert das?" fragt, hat das traditionelle Interesse
am Wesen schon fallen gelassen. Ich gehe dann nicht mehr auf eine
normative Antwort aus, die mir vorsagt, was etwas ist und wovor
ich mich, weil es ist, was es ist, wie vor einer metaphysischen
Institution zu verbeugen habe. Wenn ich die Wie-Frage stelle, bin
ich an einer Funktionsantwort interessiert. Ich gebe hier einen
Bereich an, innerhalb dessen mehrere Variablen zu einem akzeptablen
Ergebnis führen. Wenn also der Funktionalist wissen will, wie
eine Sache funktioniert, so ist er eo ipso darauf aus, in
Erfahrung zu bringen, wie man es anders als bisher machen könnte.
Hat man erst einmal verstanden, wie es anders geht, wird man auch
die Varianten in die Welt setzen. Man ist dann nicht mehr so sehr
an festen Mustern interessiert als an Variationsmöglichkeiten.
Die größte aller Variationen betrifft den Weg der natürlichen
und sozialen Evolution im ganzen. Nach der Begegung von Evolutionismus
und Konstruktivismus ist die Frage unausweichlich geworden, ob es
Alternativen zum Gang der Evolution bis zu uns selbst geben kann.
Wir wissen, dass die Materie auf ihrem ersten Bildungsweg"
zu Leben, zu Geist, zu menschlicher Existenz geführt hat. Dieses
Wissen lesen wir direkt an unserer Situation "in der Welt"
ab. Wir glauben unmittelbar zu wissen, dass wir eine Schaumkrone
der evolutionären Bewegung ersten Typs darstellen. Inspiriert
durch die funktionalistische Revolution der Denkungsart fragen wir
jetzt aber weiter: Gibt es einen zweiten Weg zum Leben, gibt es
einen zweiten Weg zum Geist? Die Antwort hierauf heißt unmissverständlich
ja. In dieser Bejahung steckt das kognitive Abenteuer der Zukunft.
Wir wissen aus vitaler Evidenz, dass es einen ersten Weg zum Leben
und Geist gegeben hat. Wir wissen aus operativer Evidenz, dass es
einen zweiten Weg zu Leben und Geist gibt. Ob dieser zweite Bildungsweg
des Geistes weiter an organische Materie gebunden bleibt, ist jedoch
fraglich. Es hat eher den Anschein, als ob Reflexion und Quasi-Leben
künftig eher an Kristalle gebunden würden als an leidensfähige
Materie. Die Zukunft ist heterobiologisch. In ideengeschichtlicher
Sicht bleibt die Emergenz der künstlichen Intelligenz gegenüber
der Gentechnologie das größere kognitive Ereignis. Die
Hysterien von morgen werden den erwachsenen Maschinen gelten.
*
Erlauben Sie mir zum Abschluss noch ein Wort über die Gentechnik
in einer engeren Perspektive. Die Gentechnik ist da, und die Gentherapie
kommt: Wir müssen diese beiden Sätze in ihrem axiomatischen
Gehalt ernst nehmen. Was jedoch unentschieden ist und nach Entscheidung
ruft, ist der gerechte Modus und der sinnvolle Einsatz dessen, was
da ist und kommen wird. Wir haben uns darauf einzustellen, dass
es in Zukunft einen Streit zwischen dem Reagenzglas und dem Mutterleib
geben wird. Wir haben mit zwei Orten zu rechnen, an denen sich das
genetische und prokreative Geschehen vollzieht. Das Monopol des
Mutterleibs ist damit aufgehoben. Zwischen den beiden Orten werden
Interaktionen in Gang kommen, die unsere traditionelle Definition
von Fortpflanzung und Leben in Bewegung bringen.
Dennoch bleibt auf die Trägheit der ersten Evolution bis auf
weiteres Verlass; es wird aufgrund zahlreicher sachlicher und moralischer
Widerstände niemals zu jenen umfassenden Umwälzungen der
Fortpflanzungsmodi kommen, die von gewissen Apolyptikern ausgemalt
werden. Auch hier führt die selbsthysterisierende Form der
Diskussion, für die wir in unserem Land so begabt sind, nicht
weiter. Die sinnvollste moralische Handreichung für die Orientierung
auf diesem Felde ist von dem Grundsatz abzuleiten, dass legitim
sein wird, was in den Grenzen einer aufgeklärten Elternliebe
akzeptabel ist. Damit ist nicht jeder Streit ausgeschaltet, aber
der Konfliktraum wird auf vernünftig traktables Maß begrenzt
sein. In der gegenwärtigen Kultursituation die bloße
Unterwerfung unter ein genetisches Fatum zu predigen, ist psychologisch
wenig aussichtsreich und moralisch dubios. Diese Unterwerfung als
Widerstandsakt gegen eine sogenannte liberale Eugenik auszugeben,
ist intellektuell unredlich und semantisch unanständig. Es
hat allerdings auch keinen Sinn, den Gen-Forschern Hybris vorzuwerfen,
es sei denn, man möchte den gesamten Entwurf der Moderne als
hybrid verurteilen. Es ist ja keineswegs die vielzitierte Optimierung
des Menschen, die der Forschung die Richtung zeigt, sondern es sind
die konsensusfähigen zahllosen kleinen Schritte zu einer punktuellen
therapeutischen Kompensation des schädlichen genetischen Zufalls,
an welche sich zur Zeit die vernünftigen Hoffnungen der Forscher
heften. Man hat in diesem Kontext zu bedenken, dass die menschliche
Evolution sich über viele Jahrtausende hinweg in einer Treibhaussituation
vollzogen hat, in der es zu einer weitgehenden Ausschaltung der
Selektion hat kommen können. Innerhalb des Menschenbrutkastens
sind eine Überfülle von problematischen Eigenschaften
selektionsneutral und überlieferungsfähig geworden. Menschen
sind Treibhausgeschöpfe, die im genetischen Luxus existieren
und zu deren Merkmalen ein hohes, evolutionär erworbenes Morbiditätspotential
gehört.
Sollte eines ferneren Tages die Gentechnologie dazu beitragen können,
einen Teil der luxurierenden Morbidität abzubauen, so würde
dies keinesfalls einen Angriff auf die Menschenwürde bedeuten;
es wäre vielmehr eine mit den Prinzipien moderner Zivilisation
kohärente Re-Konfiguration des Schicksalhaften mit dem kulturell
Gewollten.
Ich schließe mit der Bemerkung, dass die Gentechnik nur deswegen
zu einem so großen Thema hat werden können, weil die
moderne Gesellschaft begonnen hat, Probleme, die früher in
den großen Religionen prozessiert worden sind, in einer säkularen
Sprache durchzubuchstabieren. Wir verstehen im Rückblick, dass
die Erlösungsreligionen die ersten großen Formeln zu
einer allgemeinen Ökonomie des Leidens angeboten hatten. Sie
halfen den Menschen in Hochkulturen beim Tragen des Unerträglichen.
Unsere Kultur wiederholt diese Formeln nun in einem technologischen
Idiom. Das alte Chirurgenmotto: vulnerando sanamus wirft
ein präzises Licht auf unsere Lage: Leben bedeutet immer, an
Umverteilungsgeschäften des Schmerzes und der Unsicherheit
beteiligt zu sein. Indem wir verletzen, heilen wir; indem wir heilen,
verletzen wir. Analog hierzu müsste es heißen: Indem
wir Risiken eingehen, geben wir Sicherheit; indem wir Sicherheit
herstellen, schaffen wir Risiken. Wer die Enthysterisierung der
großen sozialen Debatten wünscht, sollte dafür sorgen,
dass die Weisheit der Operateure und der Versicherer in Zukunft
auf eine breitere Grundlage gestellt wird.
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