Oktober 2005 - Peter Sloterdijk „ Prospect“: die Liste der 100 führenden Intellektuellen
(Ein Lehrstück für die Ökonomie der Aufmwerksamkeit, trotzdem erfreulich)

Das Patriotische vorneweg: Auf der Liste der 100 weltweit führenden Intellektuellen,
die das englische Magazin „Prospect“ (www.prospect-magazine.co.uk) zusammen mit
dem amerikanischen „Foreign Policy“ zu seinem zehnten Geburtstag präsentiert,
stehen genau vier Deutsche. Es handelt sich um die philosophischen Erzrivalen
Peter Sloterdijk und Jürgen Habermas sowie die einander trotz Friedensgesprächen
nicht weniger abgeneigten Theologen Hans Küng und Joseph Ratzinger alias
Papst Benedikt XVI. Zum Vergleich: Mehr hat auch Frankreich – in Gestalt von
Jean Baudrillard, Alain Finkielkraut, Julia Kristeva und Gilles Kepel – nicht zu bieten.
Was David Herman im Kommentar zur Liste damit erklärt, dass Paris als intellektuelles
Zentrum verschwunden sei. Verschwunden sei auch die Vorherrschaft der intellektuellen
Linken – und der überproportionale Einfluss von Psychologen und Psychoanalytikern.
„Prospect“ versucht, in seiner Liste Verdienste und Medienpräsenz soweit wie möglich
auseinander zu halten, kennt aber die eigene Beschränktheit, wenn darauf hingewiesen
wird, dass das Schwergewicht der Auswahl bei weißen Männern aus dem
angelsächsischen Raum liegt – und dabei wieder bei Geistes-, Sozial- und
Wirtschaftswissenschaftlern: Die medizinisch-biologische Forschung ist klar
unterrepräsentiert. Auffällig ist aber auch, dass Vertreter anderer Kulturen -
etwa der chinesische Romancier Ha Jin, der Nigerianer Chinua Achebe oder
Kishore Mabubani aus Singapur alle in den USA leben. Noch stehen die
100 Nominierten einträchtig nebeneinander. Jetzt sind die Leser aufgefordert,
per Mausklick die fünf wichtigsten zu wählen – oder einen vergessenen
nachzunominieren. Die Ergebnisse veröffentlicht „Prospect“ im November.
dotz (Zur Website des Tagesspiegel go)

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