Warum
das "abgehängte Prekariat" keinen Anschluss findet
Von: Dieter Rulff
Das Fortschrittsgefühl der postmodernen Gesellschaft hat der
Philosoph Peter Sloterdijk einmal als die Empfindung von Passanten
auf einer Rolltreppe beschrieben, auf der man automatisch voran
kommt. Es ist ein Fortschritt im Stillstand, der jedem seinen Aufstieg
garantiert und bei dem jedes individuelle Vorwärtsdrängeln,
das darüber hinaus geht, als eine Störung der gesellschaftlichen
Choreografie angesehen werden muss.
Die Rolltreppe ist schon vor einiger Zeit ins Stocken geraten.
Der Schaden wird als irreparabel angesehen. Das gemeinsame Gleiten
ist einem drängelnden Stolpern gewichen. Die hohen Stufen,
die zuvor noch dem Fortschritt seine soziale Ordnung gaben, erweisen
sich nun als hinderliche Barrieren, an deren Überwindung der
Einzelne seine Stärke erweist.
Bei vielen hat sich das Gefühl breit gemacht, dass ohne Rolltreppe
das Vorwärtskommen einfacher wäre. Aber einige sind auf
ihrer Stufe einfach stehen geblieben und nicht wenige im allgemeinen
Gedrängel zurück gefallen. Dort harren sie nun darauf,
dass es noch einmal vorwärts geht und hadern mit sich und
der Mechanik. Doch sie sind abgehängt, weil es den Fortschritt
für alle nicht mehr gibt.
Als der SPD-Vorsitzende Kurt Beck vor zwei Wochen seine Sorge bekundete,
dass in weiten Teilen der Bevölkerung das Streben nach sozialem
Aufstieg nachlasse, dass diese Teile sich mit ihrer Situation materiell
und kulturell arrangiert hätten, da blendete er für einen
Augenblick den Scheinwerfer der öffentlichen Aufmerksamkeit
auf diesen Pulk am unteren Ende der gesellschaftlichen Rolltreppe.
Und als ein paar Tage später die Friedrich-Ebert-Stiftung
eine Studie über die sozialdemokratischen Wählermilieus
verbreitete und jeden zwölften zum "abgehängten
Prekariat" zählte, da staunte diese Öffentlichkeit,
wie groß das Unten der Gesellschaft mittlerweile geworden
ist. Und fing sogleich an, darüber zu streiten, ob dieses
Unten auch Unterschicht genannt werden dürfe. Ganz so, als
bürge ein anderer Name bereits für eine bessere Lage.
Nun ist das Unterschichten-Problem, von dem Kurt Beck sprach, nicht
neu. Wer die Daten des Statistischen Bundesamtes aufmerksam studiert,
konnte es Jahr für Jahr wachsen sehen. Bezeichnenderweise
rückten die Armen und Ausgeschlossenen zunächst nicht
um ihrer selbst willen in den Fokus allgemeiner Aufmerksamkeit,
sondern weil die Kosten, die sie verursachen, den Faktor Arbeit
verteuern. Schon bevor sich mit Hartz VI das wahre Ausmaß an
zwar Erwerbsfähigen aber nicht -tätigen offenbarte, richteten
sich die Blicke auf jene Fälle eklatanten Missbrauchs, welche
das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden verletzten.
Man machte die Bekanntschaft von Florida-Rolf und wurde mit den
Alkoholiker-Karrieren in Hamburg Mümmelmannsberg und den Parallelwelten
von Berlin-Neukölln konfrontiert. Man lernte den Zusammenhang
von Unterschicht und Fernsehen ebenso kennen, wie den von Unterschicht
und Übergewicht. Das alles wurde als Symptom eines fehlgeleiteten
und fehlleitenden Fürsorgestaates genommen.
Doch in dem Maße wie dieser umgebaut wird, in dem Maße
wie Fürsorge mit Fördern und vor allem Fordern übersetzt
wird, offenbaren sich auch die Grenzen staatlicher Mobilisierung
und die Hilflosigkeit der Beckschen Appelle.
Es gibt durchaus Sozialhilfekarrieren, die sich mit Stütze,
Bier und Burger- King eingerichtet haben. Deren Kinder muss man
mit einem umfassenden Bildungs- und Betreuungsangebot vor dem Schicksal
ihrer Eltern bewahren. Aber es ist eine Minderheit, die das verfestigte
Bild von der Unterschicht prägt. Interventionen bleiben so
lange fruchtlos, so lange sich den Aufstiegsmotivierten, und das
ist die Überzahl in der Unterschicht, keine Aussicht auf Arbeit
bietet.
Die ihnen von Hartz IV abverlangte Mobilität ist die eines
Hamsters in seinem Rad. Und die Beckschen Appelle an ihren Aufstiegswillen
greifen zu kurz, weil sie die materiellen Bedingungen dieses Aufstieges
nicht ins Auge nehmen. Doch sie können nicht weiter greifen,
weil sie diese Bedingungen nicht ohne erhebliche staatliche Leistungen
verbessern können. Die würden zu Lasten der Schichten
in der Mitte der Gesellschaft gehen, welche in der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung
als eigentliche Zielgruppen sozial- aber auch christdemokratischer
Politik ausgemacht werden.
Deren Zustimmung zur Regierungspolitik hängt großteils
davon ab, dass sie nicht zusätzlich belastet werden. Denn
sie fühlen sich zunehmend von der Aussicht bedroht, selbst
einmal zum Kreis der Ausgeschlossenen zu gehören. Die Angst
vor Abstieg ist längst in der gesellschaftlichen Mitte angekommen.
Doch sowenig dagegen ein System kollektiver Sicherheit schützen
kann, sowenig erwächst aus dieser Bedrohung bereits eine Bereitschaft
zur Hilfe.
Die Gesellschaft richtet sich damit ein, dass sie einem großen
Teil ihrer Mitglieder keine Erwerbsarbeit bieten kann. Auch die
Politik verabschiedet sich allmählich von der Lebenslüge
Vollbeschäftigung. Den Betroffenen kann sie häufig keine
Perspektive mehr bieten. Doch sollte sie ihnen nicht auch noch
den Rest an sozialer Anerkennung versagen und sie allein für
ihre Lage verantwortlich machen. Auch wer nichts verdient, verdient
Respekt.
Dieter Rulff, Journalist, Jahrgang 1953, studierte Politikwissenschaft
in Berlin und arbeitete zunächst in der Heroinberatung in
Berlin. Danach wurde er freier Journalist und arbeitete im Hörfunk.
Weitere Stationen waren die "taz" und die Ressortleitung
Innenpolitik bei der Hamburger "Woche". Vom März
2002 bis Ende 2005 arbeitete Rulff als freier Journalist in Berlin.
Er schreibt für überregionale Zeitungen und die "Neue
Gesellschaft/Frankfurter Hefte". Ab 1. Januar 2006 Redakteur
der Zeitschrift "Vorgänge".
Von Dieter Rulff
Zum Original:

und http://www.dradio.de
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