"Europäisierung
des Islam" - Anmerkungen
zu Peter Sloterdijks These
Von: Thomas Fitzel
Folgt man dem Philosophen Peter Sloterdijk, dann gibt es
im deutschen Kulturjournalismus ein "exzessive Panikbereitschaft".
Sloterdijk sieht vor dem Hintergrund des Karikaturenstreits und
seiner Auswirkungen nicht die Gefahr einer allmählichen Islamisierung
Europas. Auf der "Langzeitagenda" stehe "die Europäisierung
des Islam".
Der Philosoph Peter Sloterdijk überrascht immer wieder aufs
Neue. Jetzt rät er im Gegensatz zur mentalen Aufrüstung
vieler Intellektueller in der Auseinandersetzung mit der islamischen
Welt zur souveränen Gelassenheit. Don't panic, relax! Die
europäische Aufklärung, schreibt er, habe sich so stark
erwiesen, dass sich zuletzt sogar der Vatikan als einer ihrer zuverlässigsten
Verbündeten herausstellte. In aller Ruhe überblickt Sloterdijk
den Weltenlauf und sieht: Nicht die Islamisierung Europas, sondern
die Europäisierung des Islams steht auf der Langzeitagenda
des Weltgeistes.
Manch einem klingelt hier vielleicht noch seine wuchtige Elmauer
Rede in den Ohren: "Regeln für den Menschenpark." Damals
tönte Sloterdijk noch ganz anders und verabschiedete den Humanismus
und die Aufklärung gleich mit. Aber das war auch ein anderes
Jahrhundert oder besser Jahrtausend. Doch die listige philosophische
Kehre sowie das Unterlaufen von hoch gespannten Erwartungen gehören
zu seinen Markenzeichen. Denn als Trendscout des Zeitgeistes muss
er wendig den Markt der Eitelkeiten gegen seine Konkurrenten verteidigen.
Ohne dass er ihn mit Namen oder Zitat nennen würde, ist dieser
Artikel eine direkte Antwort auf die markigen Worte von Botho Strauß.
Beide waren seit jeher für einen Skandal immer gern zu haben.
Botho Strauß begrüßte im "Spiegel" vor
einigen Wochen erleichtert das Ende der liberalen Unübersichtlichkeit,
eine Zeit der Schwäche, so sein Urteil. Der Islam lehre uns
gewissermaßen als Vorbereitungsgesellschaft "die Nicht-Gleichgültigkeit,
die Regulierung der Worte und die Hierarchien der sozialen Verantwortung".
Dieser von Botho Strauß ersehnten "Nicht-Gleichgültigkeit" setzt
Sloterdijk das von Friedrich Nietzsche bekannte Pathos der Distanz
entgegen. Unsere kulturellen Konflikte rühren aus zu großer
Nähe, bedingt durch das Tempo der Globalisierung, meint zumindest
Sloterdijk. Der Abrüstung der hoch geschürten Emotionen
entspricht jedoch keineswegs eine Abrüstung seiner Sprache.
Hier lässt sich Sloterdijk nicht lumpen und nennt den Defätismus
als die eigentliche Bedrohung. Der Feind lauert wieder einmal im
Innern.
Und wer sind die Defätisten und Vaterlandverräter heute?
Es sind jene melancholischen und untergangsverliebten Zeitkritiker
aus dem deutschen Feuilleton, die nach so viel Unglauben und Liberalität
im Westen jetzt das Fracksausen bekommen haben und es auch noch
an die große Glocke hängen müssen. Dabei gilt es
Haltung, Distanz, Takt und Stil zu wahren, den Code der Diskretion,
befiehlt Oberfeldwebel und Sphärenphilosoph Sloterdijk. Da
erscheint dann doch wieder das gerüstete, männliche Subjekt.
Es ist doch ein Jammer, dass selbst die Konservativen inzwischen
zu solchen Jammerlappen wurden, so dass sogar Peter Sloterdijk
wieder in die Rüstung der guten alten Aufklärung schlüpfen
muss - vorgeblich wenigstens.
Denn bei ihm ist sie nur noch aus Pappmaché. Ihr wesentlichstes
Rüstzeug fehlt: Kommunikation. Da kehrt doch sein altes Konzept
zurück: der Mensch eine narzisstische Monade, eingeschlossen
in seiner Blase, unfähig zur Gemeinschaft. Das Einander-aus-dem-Weg-Gehen
sei ein ausgezeichnetes Äquivalent für das Einander-Verstehen,
behaupte er, und das ist wohl sein zynisches Modell für eine
Europäisierung beziehungsweise Zivilisierung des Islams. Pathos
und Distanz, in diesem Begriffspaar bei Nietzsche meinte das Pathos
jedoch keineswegs nur erhabene Leidenschaft, sondern auch Leiden,
Mitleiden, die Voraussetzung für Kommunikation überhaupt.
Was aber Sloterdijk völlig verkennt, im Islam selbst steckt
der Kern seiner ganz eigenen Aufklärung, dazu muss er nicht
erst europäisch werden, sondern nur sich selbst wieder finden.
Von Thomas Fitzel
Zum Original:

und http://www.dradio.de
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