Kontext
Arena und Phonotopos
Stadion oder Event-Container - Das Fußballstadion
auf dem Weg zum Entertainment
Von: Adolf Stock
Mit der Gesellschaft wandeln sich auch die Fußballstadien.
Das Berliner Olympiastadion war 1936 das modernste, was zu haben
war. Es war nicht nur ein Austragungsort für den sportlichen
Wettkampf, sondern zugleich ein Forum für die nationalsozialistische
Propaganda. Das Olympiastadion in München versinnbildlichte
Demokratie und Offenheit und wurde mittlerweile durch die Allianz-Arena
verdrängt. Sie ist eine multifunktionale Maschine für
die Event-Gesellschaft.
"Zu allen Zeiten ist der Bau von Stadien oder gar von
olympischen Anlagen immer ein gesellschaftlicher Vorgang gewesen,
und da schlägt
sich nieder das gesamte Weltbild, die politische Vision der Zeit.
Das war in der Antike so, in Delos oder in Olympia oder in Athen
bei den panhellenischen Spielen, und das war dann sehr viel später
so. Und dabei ging es immer um die Inszenierung von Massen aus
einem politischen Bild und gleichzeitig auch um die Selbsterfahrung
der Massen, denn die sollten ja dann die eigentlichen Akteure sein,
die Selbstdarsteller, für sich selbst."
Der Architekt Volkwin Marg aus dem Büro "Gerkan Marg
und Partner", hat schon viele Stadien entworfen und gebaut.
Zurzeit plant er eine neue Arena für Peking, mit einer sich öffnenden
Blüte als Dach, um den exklusiven Ansprüchen der Auftraggeber
Genüge zu tun. In Deutschland hat er für die Fußballweltmeisterschaft
2006 die Stadien in Frankfurt und Köln zu reinen Fußball-Arenen
umgebaut. Und in Berlin hat Volkwin Marg das denkmalgeschützte
Olympia-Stadion von 1936 auf den neusten Stand gebracht.
"Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler eröffnet
die elften Olympischen Spiele 1936 im Olympiastadion."
Am 1. August 1936 begannen in Berlin die Olympischen Spiele. Den
Zuschlag hatte die Stadt schon im Mai 1931 bekommen, als es in
Deutschland noch eine demokratische Regierung gab. Doch schon zwei
Jahre später gelangten die Nationalsozialisten an der Macht,
und für das Fest der Völker baute der Architekt Werner
March den neuen Machthabern ein Ensemble mit spektakulären
Olympia-Bauten.
Schon sein Vater Otto March hatte Anfang des Jahrhunderts in Berlin
ein vorbildliches Stadion gebaut. Das Deutsche Stadion im Grunewald
war für die Olympischen Spiele 1916 geplant worden, die damals
in Berlin stattfinden sollten.
"Da war alles drin. Die Radrennbahn, da war eine 100-Meter-Schwimmbahn
drin, und das ganze wurde gebaut in das Trabrennbahn-Gelände
des Union-Clubs im Grunewald und eingesenkt, damit man gleichzeitig
oben die Übersicht über das Geläuf behielt. Und
das war eine vorbildliche Anlage, und leider traf man sich dann
in Verdun und an der Somme und nicht im Grunewald und hat sich
beschossen, statt miteinander sportlich gekämpft."
1930 hatte sich die Weimarer Republik erneut um Olympia beworben
und den Zuschlag für 1936 erhalten. Deshalb sollte das Deutsche
Stadion von Otto March durch seine beiden Söhne, die Gebrüder
March junior, erweitert und umgebaut werden.
"
In dieser Situation fand Hitler, an die Macht gekommen '33, die
Planung vor. Im Sommer '33 zitierte er Werner March - der war flugs
als geschmeidiger Opportunist in die NSDAP eingetreten - zitierte
ihn her und sagte: Das reicht nicht, das wäre der Auftritt
des Nationalsozialismus, das müsse neu inszeniert werden.
Und natürlich hat er dann seinem Vertrauensarchitekten Speer,
der sich ja schon gleich bei der Reichskanzlei bewährte, mit
eingeschaltet. Aber man brauchte nicht viel zu tun. Ich würde
sagen, bei Werner March - ich kenne ihn noch als Emeritus an der
Hochschule - halb zog es ihn, halb sank er hin. Er hat mit Freuden
die neuen Spiele nach diesem Gusto der Großchoreographie
der gleichgeschalteten Massen inszeniert, mit allen seinem Können,
weil er das ja eigentlich noch als Fähigkeit, als entwurfliche
Fähigkeit in sich hatte."
Werner March ließ ein tiefes Loch graben, so dass das Stadion
zur Hälfte im Erdreich verschwand. Die Tribünen ließ er
dann auf den Erdhub stellen.
Noch heute kommt jeder Besucher ins Staunen, wenn er auf halber
Höhe das Stadion betritt und dann plötzlich in die riesige
Mulde blickt. Das neue Olympiastadion war Teil eines ganzen Ensembles,
mit Sportbauten, Aufmarschplätzen und einem Amphitheater.
"Das hatte es vorher noch nicht gegeben, und die ganze Welt
war baff, als das passierte. Und man war tief beeindruckt über
die Wucht einer archaisch, statuarischen Inszenierung. Und man
sah gar nicht die dahinter stehende Gleichschaltung von Massen.
Und dieser Eindruck ist auch heute noch überwältigend,
denn die Architektur spricht eine Jahrtausende alte, konzentrierte
Sprache eines szenischen Oratoriums, was da ganz statisch dasteht."
Mit dem Reichssportfeld wollten die Nationalsozialisten Macht und
Größe demonstrieren. Die Olympia-Bauten waren nicht
nur Stätten des Sports, sondern - erstmals in der Geschichte
- auch die Kulissen für ein groß angelegtes Medienspektakel.
"Die Nazis waren da virtuos. Sie waren ja die ersten,
die zum Beispiel 1936 eine Simultan-Fernsehübertragung gemacht
haben von den Olympischen Spielen. Und sie waren natürlich
die ersten, die ganz gezielt dieses olympische Geschehen mit höchsten
cineastischen Niveau aufs Zelluloid gebracht haben. Und natürlich
gehörte
der umlaufende Graben als Inszenierungsmittel dazu, wobei ja die
Leni Riefenstahl auch noch hat Schützenlöcher ausgraben
lassen, damit man, natürlich in der richtigen heroischen Perspektive
von unten nach oben, die Schönheit des Körpers abbilden
konnte."
Propagandaminister Joseph Goebbels finanzierte Leni Riefenstahl
mit 1,5 Millionen Reichsmark. Allerdings waren die Kollegen auf
die Riefenstahl schlecht zu sprechen: "Sie genießt Vorzugsrechte
und duldet zum Beispiel nicht, dass ein anderer Photograph eine
Aufnahme macht, die ihre Leute noch nicht gemacht haben.",
schrieb im August 1936 die Journalistin Bella Fromm in ihr Tagebuch.
In Leni Riefenstahls Olympia-Buch von 1937 wird das Fest der Völker
mit großformatigen Bildern gefeiert. Im Anhang gibt es eine
Dokumentation. Hier werden die gewaltigen Anstrengungen aufgezeigt,
unter denen die Fotografien entstanden. Unter dem Bild eines mannshohen
Teleobjektivs steht die Zeile "Keine Kanone - sondern eine
Fernbildlinse". Expressive, archaisch anmutende Bilder entstanden.
Unter den Photos der Sportler standen oft keine Namen, sondern
Titel wie: "Der Hammerwerfer", "Am Schwebebalken" oder "Die
Siegerin", und natürlich gab es ein heroisches Bild mit
dem Titel "Der Führer".
Der technische Aufwand hatte sich gelohnt. Das Buch und die beiden
Filme wurden zu einem unvergleichlichen Propagandaerfolg für
die Nationalsozialisten. Damals stand die Propaganda nicht im Dienste
der Wirtschaft, sondern einer Ideologie. Hier wurden keine Produkte
beworben, sondern ein heroisches Menschenbild. Eine Tatsache, an
der Leni Riefenstahl noch als fast 100-Jährige nichts Verwerfliches
fand.
"Man hat gesagt, ich habe da so schöne Menschen aufgenommen.
Ja ich habe gesagt, ich habe die Menschen doch nicht erschaffen,
die hat der Liebe Gott erschaffen. Und bei der Olympiade waren
sie doch mal da. Ob sie schön sind alle, das kann ich nicht
beurteilen. Ich habe sie so aufgenommen, dass sie zur Wirkung kommen,
das heißt nicht, dass ihnen eine Fahnenstange aus dem Kopf
wächst oder andere Dinge, die ablenken von der Person. Aber
ich habe nicht extra Leute ausgesucht, die ich aufgenommen habe,
sondern diejenigen, die die Preise gemacht haben."
Heute ist der Reportergraben verwaist. Der technische Fortschritt
hat ihn seiner medialen Funktion beraubt. Doch als Sicherheitsbarriere
dient er nach wie vor, denn während des Stadion-Umbaus blieb
die Riefenstahl-Rinne erhalten, damit randalierende Fans nicht
auf das Spielfeld gelangen können. Ein Tatsache, die Experten
der Stiftung Warentest als eklatanten Sicherheitsmangel angeprangert
haben.
Bei der Abschlussfeier der Olympiade 1936 hatte Albert Speer dann
noch einmal allen Registern gezogen. Mit Flakscheinwerfern inszenierte
er über dem Stadion erstmals seinen Lichtdom.
"Die ungeheuerste Metaphysik eines Himmelsdoms, produziert
durch, weiß ich was, tausend Kohlebogenflakscheinwerfer rund
um das Olympia-Stadion, ist ein gewaltiger Eindruck. Sie waren
ja
Virtuosen des Medialen, des Rundfunks, auch des Fernsehens, des
Films, des Lichtes, der Choreographie. Und darum sind sie auch
so gefährlich. Und wenn man etwas von den Nazis lernen will,
dann genau dies, denn da ist unsere Gegenwart auch so gefährlich,
eben in der Manipulation der Massen."
Nach dem Krieg erfüllte das Berliner Olympiastadion weiterhin
seinen sportlichen Zweck. Hier wurde Fußball gespielt, und
es fanden regelmäßig Leichtathletikwettkämpfe statt.
Das Stadion geriet aus dem ideologischen Schussfeld, bis Berlin
an der Bewerbung für Olympia 2000 teilnahm. Jetzt, nach dem
Umbau durch Volkwin Marg, sollen hier demnächst 74.000 Besucher
das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft verfolgen.
1972 fanden in Deutschland erneut Olympische Spiele statt. Und
diesmal sollte es keine Demonstration von politischer Macht und
nationaler Größe sein.
"Ich erkläre die Olympischen Spiele München
1972 zur Feier der 20. Olympiade der Neuzeit für eröffnet."
Bundespräsident Gustav Heinemann begrüßte die Gäste
aus aller Welt, danach zogen die Sportler ins Stadion ein.
"Von Marathon her kommt das Ballett hereingetänzelt,
in bunten farbenprächtigen Röcken die Mädchen, die
Männer
mit großen Sombreros, vorneweg ein Lassoschwinger und von
der rechten, von der anderen Seite, da kommt eine gestandene bayrische
Blaskapelle herein, begleitet von Mädchen in Dirndln aus Bayern
..."
Es war eine heitere Eröffnungsfeier in frühlingshaften
Farben. Die Pastelltöne und die fröhliche Musik entfalteten
eine phantastische Wirkung. Es war ein politisches Zeichen, das
als optimistischer Kommentar auf die Situation in der damaligen
Bundesrepublik verstanden werden konnte: Die 68er Revolte hatte
die bundesdeutsche Gesellschaft aufgelockert, die Gesellschaft
war demokratischer und weltoffener geworden. Die biederen 50er
und 60er Jahre schienen Vergangenheit, und die sozialliberale Regierung
mit Willy Brandt an der Spitze arbeitete an den Ostverträgen.
"Nach dem Horror der Nazizeit und des Hitlerismus hatten
wir ja in Deutschland eine ganz neue Vision. Der Nierentisch ist
ja vielleicht
das schönste Zeichen, es ist ja weder ein runder Tisch noch
ein eckiger Tisch, der kennt keine Hierarchien, es ist die freie,
frei formierte Gesellschaft ®§ la Ludwig Ehrhard. Und
so war auch die Vision für die Olympischen Spiele 1972 in
München, jetzt inszenieren wir ein neues Bild der fröhlich,
beschwingten, freien, fließenden Jugend der Welt, die mit
Heiterkeit und Freude, eben genau nicht in Marschkolonnen, nicht
geordnet, nicht abgepackt, nicht rythmisiert dort erscheint."
Nicht nur die Architekten, auch die Politiker wie der Münchner
Oberbürgermeister Jochen Vogel wollten Olympia nutzen, um
ein neues, freundliches Deutschlandbild zu vermitteln.
"Wenn wir es vernünftig machen, wenn wir uns von Übertreibungen
freihalten, wenn wir, wie der Bundeskanzler es sagte, all unseren
Gästen, die zu uns kommen, menschlich und freundlich begegnen,
dann glaube ich in der Tat, dass die Bundesrepublik einen großen
ideellen Nutzen davon haben kann."
1972 war Willi Daume Präsident des Nationalen Olympischen
Komitees. Unter seiner Regie fanden die Heiteren Spiele statt.
Das Konzept hatte der Grafiker und Designer Otl Aicher mitentwickelt.
Aicher, der durch seine Frau Inge Scholl mit einer Familie verbunden
war, die während der Naziherrschaft aktiv im Widerstand gestanden
hatte, sah diese Arbeit auch als moralische Frage. Anfang der 90er
Jahre erinnerte sich Willi Daume an die Zusammenarbeit.
"Er hat also gelehrt, dass man auch mit visueller Kommunikation,
mit Farben, mit Grundsätzen wie 'leicht', auch die Architektur
'leicht', ein anderes Deutschland zeigen könnte, als das,
was die Welt von den Olympischen Spielen 1936 in Berlin während
der Nazizeit in Erinnerung hatte, und da hat er befruchtend gewirkt.
Er hat auch Nachahmer gefunden, jetzt bei den späteren Olympischen
Spielen. Er ist, glaube ich, nicht erreicht worden, aber er hat
unendlich viel bewirkt, da hat er ein bleibendes Verdienst."
"Mit einer bayerischen Trachtenkapelle beginnt die große Feier
hier, darunter auch viele, die für ihre Karte 15 bis 20 Mark
bezahlt haben, um dabei zu sein, bei der Übergabe der gesamten
Olympia-Sportanlagen an das Organisationskomitee der Olympischen
Spiele. Die gesamten olympischen Sportanlagen, sie werden rund
1,3 Milliarden gekostet haben, wenn am 26. August die Spiele Münchens
beginnen, aber wer wird darüber noch reden, wenn man all die
schönen Bauten sieht, denn es gibt nur Ahs und Ohs, und wir
blenden uns jetzt ein in die Rede des Präsidenten der Olympia-Baugesellschaft
Karl März:"
"Wir übergeben diese Bauten an Sie, Herr Daume, mit dem herzlichen
Dank für die gute Zusammenarbeit. Der symbolische Schlüssel,
wie könnte es anders sein, aus Plexiglas."
Ein Schlüssel aus Plexiglas! Das war durchaus symbolisch gemeint,
denn Plexiglas war ein Material ganz auf der Höhe der Zeit,
das sich transparent, frei und ungezwungen gab, denn in München,
so Volkwin Marg, sollten der Sport und die Gäste im Mittelpunkt
stehen.
" Dann musste man natürlich suchen, was für ein Bild nehme
ich, und mit Grzimek hat das Büro Behnisch einen Landschaftsgestalter
gefunden, der diesen Mont Klamotte, der da aus Trümmern lag,
in freien Formen bewegt hat und die Zelte passten ideal dazu."
Die Architekten Frei Otto und Günther Behnisch hatten die
Olympia-Bauten unter eine schwungvolle Zeltlandschaft gesetzt.
Eine völlig neue, gewöhnungsbedürftige Idee, die
bei Jochen Vogel zunächst auf wenig Gegenliebe stieß.
Zeitzeugen können sich erinnern, dass der damalige Oberbürgermeister
für München keine "Beduinenstadt" wollte.
Frei Otto hatte mit Hilfe modernster Technik ein leichtes Flächentragwerk
konstruiert, das sich an Vorbildern aus der Natur orientierte.
Seine erste international beachtete Zeltdachkonstruktion stand
schon 1964 auf der Expo in Lausanne. Drei Jahre später entwarf
er den deutschen Pavillon für die Weltausstellung in Montreal,
der schon unübersehbar auf die späteren Olympia-Bauten
verweist.
Die Spiele wurden ein internationaler Erfolg, auch wenn der olympische
Frieden trügerisch blieb. Eineinhalb Wochen nach der Eröffnung
wurden israelische Sportler von palästinensischen Terroristen
als Geiseln genommen. Doch jenseits von Terror und Gewalt hatte
Olympia der Welt ein neues Deutschlandbild vermittelt, und die
Olympia-Bauten blieben der Stadt München als moderne Sportstätten
erhalten. Das Stadion wurde zur Heimstatt für den FC Bayern,
und 1974 fand hier das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft
statt.
Als Austragungsstätte für die Weltmeisterschaft 2006
war dann das Stadion nicht mehr zeitgemäß. Der programmatische
Bau, der die Besuchermassen eher zerstreut als konzentriert, wirkte
plötzlich kontraproduktiv für den kommerziellen Fußballbetrieb.
Die Zeit war über das Olympiastadion hinweggegangen. Eine
Tatsache, die Frei Otto nicht sonderlich wundert, weil er mit solchen
Entwicklungen von vornherein rechnet.
" Wie lange braucht man ein Gebäude? Wir haben Untersuchungen
gemacht, dass viele Gebäude von der Aufgabe her eigentlich
nicht länger zu leben brauchten als 20, 30 Jahre, selbst wenn
sie aus dickstem Beton oder dickstem Stahl gebaut worden sind,
weil sich die Funktionen inzwischen so gewandelt haben, dass nichts
anderes übrig bleibt, als sie in die Luft zu jagen und neu
zu bauen."
Seit Beginn der 90er Jahre haben sich die Ansprüche an Fußballstadien
radikal geändert. Paradoxerweise war das Fernsehen mit Schuld,
denn die Privatsender begannen aus ganz normalen Fußballspielen
- über die ARD und ZDF zuvor eher nüchtern berichtet
hatten - umfassende Events zu machen.
Ein Prototyp dieser neuen kommerziellen Arenen steht seit Anfang
der 90er Jahre im Speckgürtel von Amsterdam. Der Verein Ajax
Amsterdam hat dort eine autonome Box gebaut, die sich weithin sichtbar
am Rande der Stadt erhebt. Die Fans kommen mit dem Auto in die
riesigen Parkhäuser gefahren, die sich unter der Rängen
des Stadions befinden, oder sie kommen mit der S-Bahn, um auch
so trockenen Fußes in das überdachte Stadion zu gelangen,
wo es keine Stehplätze mehr gibt, sondern nur noch bequeme
Schalensitze, mit hervorragender Sicht auf den grünen Rasen.
Vor und nach dem Spiel schlendern sie durch die Shopping-Mall oder
sehen einen Film im Multiplex-Kinocenter, bevor sie die kommerzielle
Insel wieder verlassen.
Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft wollten der FC Bayern
und der Traditionsverein TSV 1860 für München auch eine
Arena, die den heutigen kommerziellen Ansprüchen genügt.
"Natürlich wollen Leute, die den Profifußball erfolgreich
vermarkten, die perfekte Hysterieschüssel. Nichts stand dem
mehr entgegen als das landschaftlich in der Breitseite geöffnete
Olympische Stadion in München, das unter Denkmalschutz stand."
Zwischen der Stadt München und dem FC Bayern kam es zum handfesten
Streit, als es um einen Neubau oder um die Weiternutzung des alten
Olympiastadions ging, an den sich Günter Behnisch noch lebhaft
erinnert.
"Es gab immer Bedenken, die wollten nicht, dass durch
den kommerziellen Fußball das Monument zerstört wird. Ich war an sich
neutral, ich habe gesagt, ich halte den Umbau für möglich,
wenn auch nicht für wünschenswert. Ich finde die jetzige
Lösung nicht schlecht, jetzt kann die Großarena so werden,
wie eine Großarena sein muss, und das alte Olympiastadion,
das bleibt wie es ist."
Man einigte sich mit der Stadt, eine neue privat finanzierte Arena
zu bauen. Den Auftrag für das neue Stadion bekamen die Schweizer
Architekten Herzog und de Meuron.
Im Gegensatz zu vielen anderen Stadien wird in der neuen Arena
nur Fußball gespielt. Konzerte oder andere Großveranstaltungen
bleiben außen vor, weil die Stadtväter der Bayern-Metropole
das Olympiastadion als Veranstaltungsort erhalten wollen. Die beiden
Fußballvereine gingen mit der Allianz Versicherung eine strategische
Marketing-Partnerschaft ein, denn ohne einen finanzstarken Partner
lässt sich ein neues Stadion weder bauen noch betreiben. Als
Dank klebt an der Außenwand der neuen Arena die größte
Leuchtreklame Europas, mit vier Meter hohen Buchstaben und dem
Schriftzug "Allianz-Arena".
Seit 2005 die neue Arena eröffnet wurde, steht ein Ufo an
der Stadtkante von München. Ein dralles, platt gedrücktes
Ei, das milchig weiß in der Sonne glitzert. Eine Insel der
Glückseeligen mit Shopping-Mall und Würstchenbuden, mit
Vip-Lounge und Schalensitzen. Die Architekten haben den Bau mit
einer glatten Außenfassade versehen, mit einer rautenförmigen
transluzenten Umhüllung, die abends und nachts in unterschiedlichen
Farben leuchten kann.
Irgendwann in den 90er Jahren ist der Profifußball endgültig
zu einem Refugium für Werbung und Sponsoren geworden. Eine
grandiose Geldmaschine, und die Hinwendung zum Kommerz, sagt Volkwin
Marg, hatte natürlich auch Folgen für den Stadionbau.
"Früher waren das Volksstadien. Heute sind das Verbraucherstadien.
Das Volk da drin dient im Grunde genommen als Claqueursmasse, die
man abbildet für die Bewerbung von Artikeln. Das Ziel des
Ganzen ist der Markt. Das Publikum am Fernsehschirm und das Publikum
selbst, das drin ist, wird natürlich auch zum Markte gebeten,
und darum wird es ja genau nach Verbraucherklassen geteilt. Es
gibt die Vips, es gibt die Vip-Vips, es gibt das Business-Mensch,
es gibt das Presse-Mensch, und da gibt's als unterste Klasse den
Fanatiker, der Fan heißt. Und dieser Fanatiker spielt auch
wieder in dem inszenierten Spiel eine Rolle, nämlich die Stimmung
hoch zu schaukeln, genau immer bis an die Grenze dessen, was die
Polizei erlaubt."
Randalierende Fans sind der Schrecken jedes Stadionbetreibers.
Schlimm, wenn aggressive Fans handgreiflich werden. Und gar nicht
erst auszudenken, wenn auf den steil ansteigenden Rängen eine
Panik entsteht. Schon 50 Menschen erzeugen eine Tonne Druck.
Ein echter Fan steht natürlich. Hinter den beiden Toren am
Fußballfeld versammeln sich traditionell die Fans der Heimmannschaften.
Wenn der FC Bayern oder der TSV 1860 spielen, können in der
Allianz-Arena die 5500 Sitzplätze hinter den Toren in 7000
Stehplätze umgewandelt werden, erläutert ein Stadion-Guide,
der in München Besucher durch die Arena führt.
"Die Fans der gegnerischen Mannschaft wurden, bis die
Dresdner kamen, in den zweiten Block hier verbannt da oben, bis
die Dresdner auf
die Idee gekommen sind, dass man auch die Sitze rausreißen
kann und Bier runter schütten kann und so Sachen, und danach
hat man gesagt, es geht nicht mehr und deswegen muss man..., aber
das sind spezielle Fans..., also die Dresdener Fans waren schon
eine hohe Stufe, und seitdem haben wir gesagt, diejenigen, die
in eine höhere Stufe eingestuft sind, die nimmt man dann eben
ganz hoch. Letztes Mal war Wolfsburg da, bei den Bayern, die sind
dann schon ganz oben auf dem Nordrang gewesen, also ganz weit weg."
Der Philosoph Peter Sloterdijk glaubt, dass die Fans vor allem
akustisch beeinflusst werden. In den neuen Stadien wird eine akustische
Glocke über die Fans gestülpt, damit die sonosphärische
Verschmelzung gelingt. Volkwin Marg bestätigt das.
" In der Arena Schalke ist die Lautstärke so groß, dass
die Spieler den Schiedsrichter gar nicht mehr verstehen können.
Und dann kommt man natürlich vollkommen von sich selbst betäubt
und berauscht und gleichgeschaltet durch das große Zeichen
wieder raus. Das kann man instrumentalisieren. Dass das heute nun
auch noch passiert für einen bestimmten vermarktenden Verein
und damit statt des größten Feldherrn aller Zeiten,
jetzt der Markt an die Stelle getreten ist, das ist eine neue Wendung
unseres Turbokapitalismus."
"
Wirklich beeindruckend, muss ich sagen. Ich hatte immer Angst vor
solchen riesigen Arenen, aber man hat sich dann auch so was vorstellen
können, also wie das vielleicht bei so Löwenkämpfen
war oder so, dass dann eben auch die Gesellschaft da sitzt und
sich das auch also, entweder von der Vip-Loge anschaut oder eben
mit dem gemeinen Volk da mittendrin."
René Schoenenberger war als Besucher der Vip-Lounge der
Allianz-Arena. Er genießt das Fußballspiel aus sicherer
Distanz.
Wie viele Vips verträgt ein Fußballstadion? Jedenfalls
weniger, als die Sportfunktionäre der Allianz-Arena anfänglich
dachten, denn echte Fans lassen sich nicht ganz für dumm verkaufen.
Gleich nach der Eröffnung wurden die Verhältnisse geklärt,
berichtet ein Münchner Sportjournalist.
"Wenn Sie die Allianz-Arena sehen, hier saßen sie schön
in ihren dicken Sesseln, rief plötzlich die Südkurve:
Ihr seid nur zum Essen da! Und dann gab's ganz lange Gesichter,
und man hat umgebaut. Also man ist hierher gegangen und hat diese
Business-Seats, die sie da sehen, sind zurückgebaut worden,
aufgrund der Kritik der Leute. Sie hatten hier 4000 Business-Seats,
und der Normalfan sagte, was ist denn hier los, hier sind die Großkopferten,
da sitzen die, die eh nur bei den Schnittchen stehen. Diese Schere
ging auseinander, das war obszön."
Den Fans war der Kragen geplatzt, als im Vip-Bereich ständig
die La-Ola-Welle zusammenbrach. Anstatt von den Plätzen aufzustehen
und mitzutun, beteiligten sich die Schönen und die Reichen
nicht an der La-Ola-Welle, so dass ein emotionales Loch entstand.
Mit den 4000 silbergrauen Business-Seats waren die Arena-Betreiber
einfach einen Schritt zu weit gegangen.
Die Stadien verändern sich. In München wurde das alte
Olympiastadion belassen wie es ist und ein paar Kilometer weiter
eine neue Arena gebaut. In Berlin ging man einen anderen Weg; hier
wurde das Olympiastadion von 1936 unter Berücksichtigung der
Denkmalpflege umgebaut. Das war für den Architekten Volkwin
Marg eine Gratwanderung.
"Ich war der Meinung, dass ich dieses Ensemble nicht durch
Eingriffe zerstöre, aber wenn ich das mache, dann muss ich
natürlich
an irgendeiner Stelle auch die Kritik gegenüber dessen, was
da steht, äußern können. Und als Architekt muss
man das architektonisch tun, das ist ja heute ein allfälliges
Mittel, das zu durchbohren, zu durchspießen und kaputt zu
machen, das habe ich mir verboten, das ist keine Art mit einem
Gegner umzugehen, auch einem ideologischen Gegner. So konnte es
also nur eine Stellungnahme dazu sein. Und die passiert einmal
mit den ergänzenden Neubauten, die erforderlich waren, zum
Beispiel die Vollüberdachung. Und zum Zweiten mit einer thematischen
Ausstellung genau im Fokus der gesamten Anlage, nämlich unter
dem Glockenturm in der Langemarckhalle, eine Ausstellung über
den Missbrauch der Jugend durch Sport."
Jetzt sind 242 Millionen Euro verbaut, aus der Hitler-Loge wurden
eine Ehrentribüne, und wo einst Albert Speer die Flakscheinwerfer
für seinen Lichtdom aufstellte, gibt es heute eine beispiellose
Flutlichtanlage mit Disco-Effekt.
"Wir haben natürlich nach inszenatorischen Mitteln gesucht,
wie wir der steinernen Masse, der archaischen, wuchtigen statischen
Schwere irgendetwas entgegensetzen könnten. So haben wir versucht,
die Überdachung ganz filigran herzustellen und nicht nur aus
statischen Gründen, sondern auch aus ästhetischen Gründen
leicht schwebend auszubilden, als Filigranstruktur, als Raumtragwerk.
Und mit der Gelegenheit dieses so entstandenen Lampenschirms gingen
wir dann noch einen Schritt weiter, dass wir den jetzt illuminierten,
womit wir praktisch einen permanenten Nimbus, eine Korona über
dieses Omega kriegt, und dann sind wir noch einen Schritt weiter
gegangen und haben dann auch noch diesen Ring of Fire, also praktisch
die obligate Feldbeleuchtung verstärkend dazugeschaltet und
können diese sogar dynamisch fahren. Sie kennen ja diesen
Ritus, der La-Ola-Welle und so etwas."
Und so ist Berlin eine Ausnahme, weil man versucht, die Geschichte
mit der Gegenwart zu verknüpfen. Die Olympiade 1936 war das
erste große Medienspektakel im Dienste der nationalsozialistischen
Ideologie. Die Olympiade in München war der Versuch, auf Berlin
mit einem neuen demokratischen Selbstbewusstsein zu reagieren.
Die Olympia-Bauten dienten vor allem dem Sport und der Völkerverständigung.
Mit dem Einzug des Kommerzes änderten sich noch einmal die
Bedingungen für den Stadionbau.
Ende des 19. Jahrhunderts standen im Glasgower Hamden Park 100.000
Menschen dicht gedrängt beisammen und schauten ihrer Mannschaft
zu. Damals fingen sie an, einen Choral zu singen, um sich als eingeschworene
Fan-Gemeinschaft zu formieren.
Wenn in der Allianz-Arena ein Tor fällt, wird das Ereignis
sofort auf riesigen Leinwänden in Zeitlupe wiederholt. Dann
können sich die Fans als Statisten des Spiels betrachten,
das sie selbst gerade sehen.
Die neuen Arenen sind kalkulierte Schauplätze großer
Emotionen, sagt Volkwin Marg. Und es sind noch immer die Emotionen
der Massen.
"Wer immer sich mit Massen beschäftigt und den alten
Klassiker Gustav Le Bon liest, Psychologie der Massen, der weiß das.
Immerhin geschrieben 1895. Massen denken nicht, Massen fühlen,
und wenn sie überhaupt etwas wahrnehmen, höchstens Zeichen
und orgiastische Lautstärke."
Von Adolf Stock
Zum Original:

und http://www.dradio.de
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