Demografie
als Waffe: Philosoph Sloterdijk: Hohe Geburtenraten
bringen radikalen Islamisten Zulauf
Moderation: Katja Schlesinger 
Nach Ansicht des Philosophen Peter Sloterdijk kann sich
nur durch ein Ende der Bevölkerungsexplosion in Israels islamischen
Nachbarländern eine Chance auf Frieden in Nahost ergeben.
Katja Schlesinger: Der Kulturphilosoph Peter Sloterdijk rechnet
mit einem erheblichen Zulauf für den radikalen Islamismus
- wegen der hohen Geburtenraten in der arabischen Welt. Blieben
die gleichbleibend hoch, dann könnte bis Mitte des 21. Jahrhunderts,
also in den nächsten gut vierzig Jahren, ein Reservoir von
mehreren hundert Millionen junger Männer von islamistischen
Organisationen mobilisiert werden. Das schreibt Peter Sloterdijk
in einem Artikel für die aktuelle Ausgabe des Magazins "Cicero". Über
seine Thesen will ich nun mit ihm reden. Guten Morgen, Peter Sloterdijk!
Peter Sloterdijk: Guten Morgen.
Schlesinger: Ihr Artikel im "Cicero" ist überschrieben
mit dem Titel "Die Bevölkerungswaffe der Islamisten".
Bitte beschreiben Sie doch erst einmal, wer oder was genau mit
dieser Bevölkerungswaffe gemeint ist.
Sloterdijk: Nun, es ist eine Tatsache, dass die islamische Welt
um das Jahr 1900 herum demografisch auf diesem Planeten sehr wenig
nur ins Gewicht gefallen ist. Es gab damals etwa 150 Millionen
Moslems auf der Erde. Diese Gruppe hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts
verachtfacht. Man hat um das Jahr 2000 herum eine Zahl von etwa
1,2 Milliarden Moslems gezählt. Und diese Zahlen sind so dramatisch,
dass sie einer eigenen Interpretation bedürfen. Und eben dies
tun die Forscher, die sich heute mit den Problemen der demografischen
Dynamik befassen und den Zusammenhang zwischen Demografie und kriegerischer
Gewalt untersuchen.
Schlesinger: Sie
beschreiben mit drastischen Vokabeln die arabische Jugend und
die in den nächsten Jahrzehnten Heranwachsenden.
Sie reden von einer "unaufhaltsam anschwellenden Riesenwelle
von Arbeitslosen und sozial Hoffnungslosen", von aufkochenden,
ja sogar "genozidschwangeren" Junge-Männer-Überschüssen,
die scheinbar kein anderes Ziel im Leben haben als in Glaubenskriegen
ihr Leben zu lassen. Wie kommen Sie zu diesen ja nicht nur skeptischen,
sondern pessimistischen und geradezu vernichtenden Urteilen?
Sloterdijk: Nun,
vernichtend sind diese Urteile nicht. Sie sind realistisch, weil
sie sich inspirieren lassen durch die Befunde
der demografischen Forschung. Die sagen relativ unmissverständlich,
dass seit einem halben Jahrtausend all die Kulturen, die starke
Jungmänner-Überschüsse hervorgebracht haben, unruhig
und aggressiv geraten. Das hat in Europa begonnen um 1500 herum,
als eine Politik der mehr oder weniger systematischen Menschen-Überproduktion
eingesetzt hat, die Europa erlaubt hat, über 400 Jahre zahllose
Menschen zu exportieren, um es so handfest auszudrücken,
und damit die Welteroberung durch Europa voranzutreiben.
Nun ist aber heute die Welt, wenn man so sagen darf, voll oder
besetzt und es gibt und es kann keinen islamischen Menschenexport
geben in die übrigen Gegenden. Das heißt, sie sitzen
auf sich selbst fest. Und in einer Welt, in der immer noch eine
durchschnittliche Mutter vier, fünf, sechs Kinder zur Welt
bringt, ist es unvermeidlich, dass es einen ungeheuren Überschuss
an sozial nicht verwendbaren jungen Männern geben wird, die
ihren Zorn in politisch destruktive Aktivitäten ausleben
werden.
Schlesinger: Aber warum ist es zwangsläufig, dieser politische
Destruktivismus?
Sloterdijk: Das ist, der Zorn der jungen Männer ist ein Potenzial,
das real gegeben ist. Diese Menschen sind bereits geboren, sie
sind bereits da, ihr Dasein kann nicht ungeschehen gemacht werden.
Und sie werden mit ihrer eigenen Existenz irgendetwas anfangen.
Und man sieht heute schon, in welche Richtung die entsprechenden
Mobilisierungen laufen. Es sind in den letzten zehn Jahren in der
gesamten islamischen Welt Tausende von neuen Islamschulen oder
Koranschulen eingerichtet worden, in denen zum großen Teil
eine Art von bösartiger politischer Agitation vollzogen
wird.
Schlesinger: Ist das nicht eine Verallgemeinerung? Es gibt
doch immer wieder auch Berichte darüber, dass diese Koranschulen
gar nicht so schlimm sind, wie sie teilweise gesehen werden
vom Westen.
Sloterdijk: Es gibt einen relativ milden indonesischen politischen
Islam. Es gibt einen relativ milden türkischen politischen
Islam. Aber es gibt, in allen Ländern, in denen die demografische
Dynamik so hoch ist, beobachtet man auch ganz entschiedene
Mobilisierungen.
Schlesinger: Herr Sloterdijk, Sie schreiben, dass nur ein kleiner
Teil der sterbewilligen jungen Männer für den externen
Terrorismus mobilisiert würde, der größere Teil
dürfte in lebensverbrauchenden Bürgerkriegen auf arabischem
Boden sterben. Warum richtet sich Ihrer Meinung nach der radikale
Islamismus nicht im großen Stil gegen den Westen? Denn
das sind doch eigentlich die westlichen Werte, die von den
Islamisten abgelehnt werden?
Sloterdijk: Das ist durchaus richtig. Aber diese Menschen haben
ein Transportproblem, nicht? Hätten sie eine entsprechende
technische Infrastruktur, könnten sie auf kreuzzugsartige
Angriffskriege auch über längere Entfernungen losgesendet
werden. Da sie aber über diese Struktur nicht verfügen,
müssen sie sich in Nachbarschaftskonflikten betätigen.
Und in diesem Zusammenhang gibt es nur zwei Alternativen: entweder
den Krieg gegen Israel oder den Bürgerkrieg. Und wir können
sicher sein, dass beide Optionen in den nächsten 25 Jahren
auf die intensivste Weise ausgelebt werden.
Schlesinger: Israel ist das Stichwort. Es ist Krieg zwischen
Israel und dem Libanon. Israel hat Ihrer Meinung nach weitere
Bewährungsproben
vor sich - das schreiben Sie auch in dem "Cicero"-Artikel.
Sie raten zu einer weitsichtigen "Politik der Abschottung",
anders könne die jüdische Enklave nicht überstehen.
Was heißt das? Noch höhere Zäune und Mauern?
Und immer mehr Waffen?
Sloterdijk: Ich vermute, dass Israel erst Ruhe bekommt, wenn
die ungeheure demografische Dynamik in den Nachbarländern
sich beruhigt haben wird ...
Schlesinger: ... aber das ist, sagen Sie selbst, in den nächsten
50 Jahren ...
Sloterdijk: ... mit anderen Worten - genau,
ich sage ja, man muss hier eine Langzeitperspektive zugrunde
legen. Deswegen ist auch der Angriffskrieg Israels gegen Libanon
so bedauerlich.
Denn Libanon ist das einzige Land, an dem sich bereits die
Phänomene
manifestiert haben, auf die man langfristig hoffen muss: Es gibt
im Libanon keine Junge-Männer-Überschüsse mehr und
daher eigentlich auch keine explosive Situation mehr. Es ist im
höchsten Maß bedauerlich, ja sogar auch verbrecherisch,
wenn gerade in diesem Land jetzt Infrastrukturen zerstört
werden. Denn der libanesische Weg wäre ja gerade der gewesen,
auf den die langfristige israelische Politik hätte setzen
müssen.
Schlesinger: Sie reden nun immer wieder über diese demografische
Dynamik und dass das in den nächsten Jahrzehnten ja einfach
noch anhalten wird. Gibt es da nicht eine andere Möglichkeit,
dem radikalen Islam zu begegnen, zum Beispiel mit Aufklärung?
Richard Rorty zum Beispiel - man kann ihn die philosophische Stimme
des liberalen Amerikas nennen -, er glaubt zwar auch nicht an einen
nennenswerten Dialog zwischen dem Westen und dem Islam. In dem
Buch "Zukunft der Religion" sieht er aber zumindest die
Möglichkeit, dass die gebildete Mittelklasse in den islamischen
Ländern eine Aufklärung herbeiführen könnte.
Wie sehen Sie das?
Sloterdijk: Aufklärung ist, glaube ich, schon das richtige
Stichwort. Aber ich glaube nicht, dass es zunächst mal um
die ideologische Aufklärung geht oder die religiöse Aufklärung,
sondern es geht um die Absenkung der Geburtenraten. Das hat natürlich
auch etwas mit Aufklärung zu tun und hat mit der Emanzipation
der Frauen zu tun, die sich in Zukunft weigern sollten, als Gebärmaschinen
in einem demografischen Feldzug funktionalisiert zu werden.
Schlesinger: Herr Sloterdijk, Sie haben vor einem halben Jahr
in einem Artikel für den "Focus" noch von der "Europäisierung
des Islams" gesprochen. Jetzt sagen Sie quasi, der Islam sei
aufklärungsresistent oder es dauert auf jeden Fall noch
viele Jahre. Wie passt das zusammen? Wie kommt dieser Sinneswandel?
Sloterdijk: Es ist kein Sinneswandel. Ich spreche hier von
zwei völlig verschiedenen Phänomenen. Der Islam in seiner
eigenen Sphäre ist natürlich gegen die aufklärerische
Infiltration ganz anders abgeschirmt, als ein Islam, der in Europa,
in der Diaspora existiert. Für den letzteren ist es zunächst
einmal naheliegender zu fordern und zu erwarten, dass er sich im
Laufe eines Prozesses, der über mehrere Generationen gehen
wird, sich als ein Teil der europäischen Ökumene konstituieren
wird. Und ich glaube, diese Prognose ist nach wie vor triftig.
Dass aber der Islam in seinen eigenen Kernländern sich
bisher mit schrecklichem Erfolg gegen die Modernisierung wehrt,
das
steht auf einem anderen Blatt.
Schlesinger: Peter Sloterdijk sieht eine dunkle Zukunft voraus
im arabischen Raum und spricht von der "Bevölkerungswaffe
der Islamisten". Der Artikel im Magazin "Cicero" geht
auf Peter Sloterdijks neues Buch zurück, es ist ein Auszug
daraus. Das Buch heißt "Zorn und Zeit" und
kommt Mitte September auf den Markt. Vielen Dank, Peter Sloterdijk.
Moderation: Katja Schlesinger
Zum Original:

und http://www.dradio.de
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