Interview
im Kontext: Katja Schlesinger mit Prof. Dr. Gunnar Heinsohn.
Kein Friede ohne "demografische Abrüstung" im
Nahen Osten
Soziologe macht hohe Geburtenraten für Gewalt mitverantwortlich
Moderation: Katja Schlesinger 
Nach Ansicht des Soziologen Gunnar Heinsohn tragen die
hohen Geburtenraten in den palästinensischen Gebieten zur
Gewalt im Nahen Osten bei. Viele junge Männer ohne Perspektive
seien für religiös motivierte Gewalt empfänglich,
sagte Heinsohn.
Katja Schlesinger: Sozial nicht verwertbare junge Männer im
arabischen Raum ziehen todessehnsüchtig in den heiligen Krieg.
Am Montag habe ich hier im "Radiofeuilleton" mit dem
Kulturphilosophen Peter Sloterdijk über den Zusammenhang von
hohen Geburtenraten und Gewalt gesprochen. Der Bremer Soziologe
und Völkermordforscher Gunnar Heinsohn vertritt seit Jahren
diese These. Mit ihm bin ich gleich im Gespräch. Zuvor fasst
Ralf Müller-Schmid zusammen, was genau Peter Sloterdijk gesagt
hat:
Die Befunde der demografischen Forschung (...) die sagen relativ
unmissverständlich, dass seit einem halben Jahrtausend all
die Kulturen, die starke Jungmänner-Überschüsse
hervorgebracht haben, unruhig und aggressiv geraten. (...) Und
in einer Welt, in der immer noch eine durchschnittliche Mutter
vier, fünf, sechs Kinder zur Welt bringt, ist es unvermeidlich,
dass es einen ungeheuren Überschuss an sozial nicht verwendbaren
jungen Männern geben wird, die ihren Zorn in politisch destruktive
Aktivitäten ausleben (...).
Peter Sloterdijks Diagnose ist nicht deswegen beunruhigend, weil
der Philosoph sich einer drastischen Wortwahl bedient. Viel unangenehmer
sind die Konsequenzen seiner Überlegungen, die er in der jüngsten
Ausgabe der Zeitschrift "Cicero" unter dem Titel "Die
Bevölkerungswaffe der Islamisten" entwickelt hat. Während
jetzt etwa der britische Premier Tony Blair eine wertorientierte
Strategie gegen den islamischen Extremismus fordert, plädiert
Sloterdijk für Realismus. Denn die Wertedebatte hat unter
Umständen nur die Oberfläche des aggressiven Islamismus'
im Blick. Wer im Westen immer nur vom Frieden stiftenden Dialog
der Kulturen und Weltreligionen träumt, mag weiterhin glauben,
er habe die guten Werte auf seiner Seite. Er verkennt jedoch die
krisenhafte Dynamik der arabischen Gesellschaften:
(...) diese Zahlen sind so dramatisch, dass sie einer eigenen
Interpretation bedürfen. Und eben dies tun die Forscher, die
sich heute mit den Problemen der demografischen Dynamik befassen
und den Zusammenhang
zwischen Demografie und kriegerischer Gewalt untersuchen.
Katja Schlesinger: Und mit solch einem Forscher bin ich jetzt verbunden,
mit dem Soziologen Gunnar Heinsohn. Er leitet das Institut für
Völkermordforschung an der Universität Bremen. Guten
Morgen, Herr Heinsohn.
Gunnar Heinsohn: Guten Morgen, Frau Schlesinger.
Schlesinger: Sie verweisen seit Jahren auf den Zusammenhang von
hohen Geburtenraten und Gewalt. Peter Sloterdijk nun spricht von
der "Bevölkerungswaffe der Islamisten". Übertreibt
er da nicht?
Heinsohn: Ich glaube nicht, dass er übertreibt. Nur, die Entwicklung
hat auch eine positive Seite. Denn in dem Moment, wo diese Jungmänner-Wellen,
auf welche Weise auch immer, abgeklungen sind, dann kann auch wieder
Frieden eintreten. Wir haben das gut beobachten können etwa
in Algerien, wo sich 150.000 Menschen zwischen 1991 und ungefähr
2004 umgebracht haben. Während das passierte, haben die algerischen
Frauen ihre Geburtenzahl auf 1,9 heruntergeschraubt, während
ihre Mütter und Großmütter, die die Kämpfer
geboren haben, sechs oder sieben Kinder hatten. Also das heutige
Algerien steht alsbald vor einem Rentenproblem.
Schlesinger: Nun, aber die vielen jungen Männer im arabischen
Raum, die gibt es ja nun. Die kann man auch nicht einfach wegsperren.
Was kann man also tun? Einfach nur abwarten und zuschauen?
Heinsohn: Normalerweise, wie gesagt, gehen die den harmlosen Weg,
das ist die Auswanderung. Wenn der verstellt ist - das nennen wir
die unblutige Kolonisation -, wenn der verstellt ist, gehen sie
zu Hause in die Kriminalität, dann in die Gewaltkriminalität,
dann in den Bürgerkrieg und unter Umständen, wenn Minderheiten
da sind, in den heimischen Völkermord. Wie gesagt, Algerien
hat das so gemacht. Das hat eigentlich deshalb auch die Welt nicht
weiter interessiert. Marokko hat das gemacht mit Ausrottung der
Araber in Spanisch-Sahara, wo dann junge Marokkaner als Siedler
hereinkamen. Das hat die Welt auch nicht interessiert. Dies ist
der Weg, den wir jedenfalls in der überschaubaren Geschichte
immer gesehen haben. Also das gegenseitige Dezimieren innerhalb
der eigenen Grenzen oder - wenn möglich - blutig oder unblutig
nach draußen gehen.
Schlesinger: Aber ist diese Entwicklung zwangsläufig oder
kann man sie abwenden?
Heinsohn: Ich habe mal vorgeschlagen, die nächsten 15 Nobelpreise
an Leute zu geben, die einen unblutigen Weg dafür vorschlagen
können. Damit habe ich meine eigene Ratlosigkeit eingestanden,
weil ich einen solchen Weg noch nicht sehe. Man muss vielleicht
für das Gewicht dieser Entwicklung hinzufügen: Entscheidend
ist, dass diese drei oder vier Brüder, die pro Mutter aufwachsen,
auch gut ernährt sind. So furchtbar das klingt - unser Erfolg
bei der Beseitigung des Hungers hat das Problem der kriegerischen
Entwicklungen zugespitzt. Hunger ist eine furchtbare Geißel,
aber militärisch keine Gefahr. Während bei gesättigten
jungen Männern, die auch lesen und schreiben können und
ein Hemd auf dem Leib haben, die Gefahr eben sehr groß ist,
weil ich Lebensmittel und Bücher und Impfstoffe sehr schnell
vermehren kann, aber interessante Karrieren, für die dann
15, 16, 17 Jahre alt werdenden jungen Leute nicht dasselbe gilt.
Karrieren sind per Definition, Spitzenpositionen sind per Definition
ja immer knapp.
Schlesinger: Sie hören Deutschlandradio Kultur. Ich rede mit
dem Soziologen und Völkermordforscher
Gunnar Heinsohn über
den Zusammenhang von hohen Geburtenraten und Gewalt, so wie ihn
auch Peter Sloterdijk hier im "Radiofeuilleton" beschrieben
hat. Herr Heinsohn, trotzdem, ist es nicht zu einfach und ein wenig
zu einseitig, die Konflikte auf der Welt auf eine Überzahl
von jungen, gesättigten Männern zurückzuführen?
Heinsohn: Das Argument ist in der Tat primitiv und ganz unelegant.
Und es klingt auch sehr brutal. Aber es spricht eben sehr viel
dafür. Vielleicht muss man noch hinzufügen, dass diese
Jungmänner-Bewegung im Normalfall immer hohe Wertsysteme ausbilden
müssen. Das heißt, wenn Sie sagen: Die machen dann ...,
wenn man sagt: Die machen dann Religionskriege, dann ist das kein
Zufall. Wenn man also fragt: Warum hat die Religion es vor allen
Dingen in den großen Tötungsbewegungen so gut? Dann
liegt das daran, dass 95 bis 98 Prozent dieser jungen Männer
ganz normal sind. Die wissen, was ein Mörder ist. Die wissen
auch, was ein krankhafter Selbstmörder ist. Das wollen die
nicht sein. Sie wissen, dass sie töten werden, dass sie töten
müssen, um die existierende Elite zu beseitigen, um in ihre
Positionen reinzukommen. Aber sie wollen das nicht als Mörder
tun. Sie wollen den furchtbaren Sünder, den ungerechten Ausbeuter
gerecht strafen. Also sie wollen ehrbare Henker seine, aber keine
Mörder. Und deshalb entstauben sie die heiligen Bücher
und suchen sich dort die Definitionen heraus, die es ihnen erlaubt
zu sagen: Wir sind die wirklich Gerechten, wir sind die wirklich
Frommen. Das ist der Grund, dass das Töten und das Religiosifizieren
immer zusammenlaufen. Das lief auch bei den spanischen Eroberern
ganz genauso - die hießen ja auch im Jahre 1500 auf Spanisch "segundones",
also zweitgeborene oder auch fünftgeborene Söhne. Denken
Sie an Pizarro, der ging gleich mit drei Brüdern ins Inkaland
und erledigte den Kaiser Atahualpa. Das heißt, diese waren
auch fromm, die warfen sich auch zu Boden und schrien zum Herrn
und zur heiligen Jungfrau. Wir nennen die heute Christen, aber
wir müssten sie "Christianisten" nennen, wie wir
eben die jungen Muslime, die den Islam missbrauchen, ja auch "Islamisten" nennen.
Schlesinger: Gehen wir zurück in den arabischen Raum. Viele
Politiker meinen zum Beispiel, dass die Palästinenserfrage
gelöst werden müsste, dann würde auch Ruhe einkehren
in diese Region. Und ich habe noch ein Argument vielleicht ein
wenig doch gegen diese demografische Argumentation: Ich habe mit
einer Autorin des Buches "Die Kinder des Dschihads" gesprochen,
mit Claudia Sautter, und sie sagte: Es sind Identitätsprobleme
und vor allem auch politische Ereignisse, das sind Ursachen dafür,
dass sich Moslems radikalisieren, auch in Europa.
Heinsohn: Das ist ja gar nicht falsch, was die Frau Sautter sagt.
Es ist ein Identitätsproblem, wenn Sie dritter, vierter oder
fünfter Bruder sind und keinerlei Perspektive haben. Wer sind
Sie dann? Wohin gehören Sie dann? Da hat sie ja Recht. Aber
dieses Identitätsproblem haben eben die dritten und vierten
Brüder und nicht der einzige Sohn oder gar das einzige Kind.
Da kommt das durchaus zusammen. Nur, das Palästinenserproblem
ist ja nur deshalb in der Weltöffentlichkeit, weil auf der
anderen Seite Juden stehen. Während also die Palästinenser
ihren Jungmänner-Hass nach außen leiten können,
konnten die Algerier das nicht; konnten die Marokkaner zwar das
gegen andere Araber, aber eben nicht gegen Juden machen und es
steht nicht in der Weltöffentlichkeit. Israel ist überhaupt
nicht das Problem. Wenn wir uns Israel jetzt wegdenken eine Minute
lang, dann würden wir im Gaza-Streifen Zustände sehen
mit Dörferabschlachtung, wie wir sie in Algerien eben gesehen
haben. Wir wissen ja, dass jetzt schon im Gaza-Streifen die Gewaltkriminalität
unter den jungen Männern mehr Tote erfordert, als sie Gefallene
haben in ihrem Krieg gegen die Juden Israels.
Schlesinger: Herr Heinsohn, eine Frage - mit einer ganz kurzen
Antwort bitte. Sie hatten gesagt, wenn die Geburtenrate sinkt,
dann löst sich quasi das Problem. Was führt nun zu kleineren
Familien? Welche Rolle spielen die Frauen?
Heinsohn: Die Frauen müssen einfach mit Männern zusammen
sein, die lohnabhängig sind, die keine Erben brauchen, dann
gehen die Geburtenzahlen runter. Es sei denn, wir haben Palästina,
wo die Welt sagt: Ihr seid Flüchtlinge und wenn ihr 20 Kinder
habt, sind die Flüchtlinge und wir versorgen die. Deshalb
geht in Palästina die Geburtenzahl nicht runter, während
sie in Algerien und Tunesien - auch Libanon, ist ja auch bei 1,9
Kindern - längst runtergegangen ist, haben die Palästinenser
immer noch sechs. Also da hat die demografische Abrüstung
noch überhaupt nicht begonnen. Und deshalb kann es keine Lösung
des Palästinakonflikts geben vor dieser demografischen Abrüstung.
Aber selbst wenn die beginnt, werden die sich, falls Israel richtig
zumachen kann und sich verteidigen kann, werden die weiter sich
untereinander dezimieren - Fatah- gegen Hamas-Schießereien
sind ja an der Tagesordnung, wir hören nicht viel darüber
-, wird das also sich zuspitzen.
Schlesinger: Der Soziologe und Völkermordforscher Gunnar Heinsohn über
seine These, dass hohe Geburtenraten zu Unruhen oder Krieg führen.
Der radikale Islam wird darum auch in den nächsten Jahren
Zulauf erhalten. Vielen Dank für das Gespräch.
Heinsohn: Vielen Dank, Frau Schlesinger.
Moderation: Katja Schlesinger
Zum Original:

und http://www.dradio.de
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