Ungewohnte
Sicht auf die Geschichte - Peter
Sloterdijk: "Zorn und Zeit".
Von Wolfgang Sofsky 
Am Anfang war der Zorn. Das erste Buch der abendländischen
Literaturgeschichte berichtet vom Groll des Achilles, der brütend
in seinem Zelt vor Troja hockt, weil ihn sein Kriegsherr um das
Ehrengeschenk gebracht hat. Während seine Gefährten kämpfen
und sterben, verharrt er in untätigem Grimm. Doch plötzlich
wendet sich sein Zorn wieder nach außen. Getrieben vom Furor
der Vergeltung, stürzt er hinaus in die Schlacht.
"Beim reinen Zorn gibt es kein verknotetes Innenleben, keine
psychische Hinterwelt und kein privates Geheimnis. Vielmehr gilt
der Grundsatz,
das Innere des Akteurs solle ganz manifest und öffentlich,
ganz Tat werden. Dem aufwallenden Zorn ist es eigentümlich,
in seinem verschwenderischen Ausdruck restlos aufzugehen."
In der Explosion akuten Zorns liegt eine enorme Destruktivkraft.
Es ist nicht erstaunlich, dass schon Homers Heldenlied die jähe,
vorweltliche Grausamkeit zu kritisieren wusste. Zivilisation heißt
nicht nur Sublimierung seelischer Urtriebe, sondern stets auch
Zähmung, ja Austreibung animalischer Wut.
Dagegen sucht Peter Sloterdijk den Zorn zu rehabilitieren. Wider
die idyllische Mentalität hierzulande, die falsche Bescheidenheit,
Feigheit und konsumistische Habgier singt er ein Loblied des Stolzes
und der Ambition, der Streitlust und der eitlen Verschwendung.
Ohne die Sache beim bekannten Namen zu nennen, möchte er der
kultivierten Aggression wieder zu ihrem Recht verhelfen. Das alte
Zivilisationsprogramm der Unterdrückung des Zorns ist gründlich
gescheitert. Es endete in einem Exzess der Rache und der kollektiven
Ausrottung. Daher bedarf es, so Sloterdijk, eines politischen Zornmanagements
jenseits rachsüchtiger Demut und dumpfer Ressentiments.
"In der globalisierten Situation ist keine Politik des Leidensausgleichs
im Großen mehr möglich, die auf dem Nachtragen von
vergangenem Unrecht aufbaut, unter welchen welterlöserisch,
sozialmessianisch oder demokratiemessianisch codierten Verbrämungen
auch immer. Diese Erkenntnis setzt der moralischen Produktivität
von Vorwurfsbewegungen enge Grenzen, selbst wenn sie - wie der
Sozialismus, der Feminismus,
der Postkolonialismus - für eine jeweils an sich respektable
Sache eintraten."
Eine Politik ohne gütlichen Ausgleich und ohne gerechtes Entgelt:
Das bedeutet einen definitiven Abschied von der christlichen Ethik
und von allen Projekten, die im Namen der Gleichheit oder nationalen
Gemeinschaft den Zorn der unteren Klassen entfachen. Zuletzt richten
Groll und Rache ein großes Blutbad an, im Jenseits und im
Diesseits.
"Wo der Neid das Gewand der sozialen Gerechtigkeit überstreift,
kommt eine Lust an der Herabsetzung zum Zuge, die schon die Hälfte
der Vernichtung ist."
Sloterdijks erste Abrechnung gilt der monotheistischen Religion.
Kurz nach der Schöpfung ließ der zürnende Gott
seinem Zerstörungswillen noch freien Lauf. Dann begann er,
die Stunde der Gerechtigkeit zu verschieben. Seine unterlegenen
Anhänger mussten ihre Ohnmacht mit Phantasien später
Revanche und eigener Auserwähltheit ausgleichen. Hasstiraden
gegen fremde Mächte, prophetische Anklagen der eigenen Frevel,
apokalyptische Vorstellungen eines finalen Weltgerichts, und dann
die ewige Tortur der Hölle - in der Geschichte der jüdisch-christlichen
Religion wurden die Zeiten des Zorns immer länger. Seitdem
kennt die gerechte Vergeltung kein Ende, kein Vergessen mehr.
"Auch das Haus der Rache soll nichts verlieren. Wo das
Nachtragen von Schuld über weite Strecken gehen muss, ist
der Rekurs auf Ewigkeit unverzichtbar. Zum Guten wie zum Bösen
ist die Ewigkeit das Asyl des Ressentiments."
Sloterdijks zweite, große Abrechnung gilt der linken Mobilisierung
des Grolls. Die Agitatoren der sozialen Entrüstung sammelten
die Wut der Erniedrigten, nicht ohne ihre eigene Machtgier mit
der Aura der Welterlösung zu umgeben. Ließen es die
Massen an der geforderten Empörung fehlen, bediente sich die
Avantgarde bewährter Mittel. Die Anarchisten suchten ihre
Zerstörungswut mit dem Volkszorn zu verschmelzen und mit tätlicher
Propaganda den Aufstand zu entfachen. Der Bolschewismus erklärte
die Partei zum Zornmonopol des Proletariats. Nach dem Oktoberputsch
erhob sie sich zum Weltgericht, das jede wirkliche oder vermeintliche
Opposition brutal dezimierte. Der rote Terror war kein Betriebsunfall,
er war von Anbeginn im System angelegt.
"Das sowjetische Regime war auf die stetige Regeneration
des Schreckens angewiesen. Die Unterdrückung jeder Opposition
war eine schlichte geschäftliche Notwendigkeit, wenn die Partei
ihren Alleinvertretungsanspruch für die Zornenergien der Massen
nicht aufgeben wollte."
Neid und Aggression tobten sich an den Bauern und fremden Völkerschaften
aus; Abermillionen wurden als vermeintliche Klassenfeinde erschossen
oder ausgehungert. Zustimmung erzwang man durch Angst oder nationale
Mobilisierung. Immer neue Kampagnen provozierten revolutionäre
Energien. Die maoistische Kulturrevolution erklärte die gesamte ältere
Generation zum Klassenfeind, derweil ihre westlichen Sympathisanten
sich in antifaschistischen Sprachspielen ergingen, um ihre Affinitäten
zum roten Terror zu übertünchen.
Nach dem Ende des Sowjetregimes hat die soziale Empörung keine
Weltidee mehr vorzuweisen. Der Zorn hat sich zerstreut und der
Habgier Platz gemacht. Niemand soll aus seinem Genuss mehr ein
Geheimnis machen, und jeder soll begehren, was auch sein Nachbar
haben will. Die Sozialtherapie wurde von der staatlichen Vorsorge
auf die Entsorgung der Überflüssigen umgestellt. So ist
der Zorn - in den brennenden Vorstädten und den demolierten
Schulen der Gettos - zu seiner frühesten Zeitform zurückkehrt,
zur abrupten Aufwallung purer Zerstörungslust.
"Es handelt sich um einen Extremismus der Müdigkeit - eine
radikale Dumpfheit, die sich jeder Gestaltung und Kultivierung
verweigert. Wenn sie um sich schlagen, um zu zerstören, was
ihnen zufällig in die Quere kommt, geschieht das wie in einer
Fremdsprache aus Gebärden, an deren Sinn sie selbst nicht
glauben. Diesen Extremisten des Überdrusses bedeutet ihr
eigenes massenhaftes Vorkommen nichts."
Man kann gegen Sloterdijks Essay manches einwenden: die wuchernde
Metaphorik, die ausufernden Assoziationen, die eigenwillige
Wortakrobatik. Ohne begriffliche Trennschärfe verhandelt der Philosoph ganz
verschiedene Phänomene: Stolz und Ehrgeiz, Groll, Wut, Haß oder
Courage. Der Übergang vom akuten Affekt zur Haltung bleibt
ebenso undeutlich wie die Dynamik kollektiver Emotionen. Der tragende
Affekt einer Revolution ist keineswegs nur der Zorn gegen die Reichen
und Mächtigen. Manchmal fordern die Plakate des Aufruhrs nur
Frieden und Brot. Religionen erschöpfen sich mitnichten in
der langfristigen Archivierung des Leidens für den Jüngsten
Tag. Die Rache, diese elementare Form der Gerechtigkeit, kennt
zahllose Regeln, die den langen Unwillen zügeln und die Strafaktion
begrenzen. Stolze Verschwendung war in der Geschichte der Macht
meist nur eine ruinöse Variante im endlosen Kampf um Status
und Prestige.
Und dennoch, Sloterdijks Versuch vermittelt eine ungewohnte
Sicht auf die Triebkräfte der Geschichte, auf die Leidenschaften
des Zorns, die man hierzulande am liebsten verleugnen möchte.
Man kann die Lektüre jedem empfehlen, dem das leere Gerede
von "sozialer Gerechtigkeit" hin und wieder die Zornesröte
ins Gesicht treibt.
Rezensent: Wolfgang Sofsky
Zum Original: 
und http://www.dradio.de
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