Auf der Zornsparkasse - Peter Sloterdijk beschreibt die Weltgeschichte als Wutgeschichte. Und zur Beruhigung fährt er Fahrrad

Von: Marius Meller


Auf der Zornsparkasse

Gegenüber vom Sommerhaus des Philosophen befindet sich eine zehn Meter hohe
Felswand. Das idyllische Provence-Dörfchen ist um einen Berg herumgebaut. Von
ganz oben kann man den Mont Ventoux sehen. In der Felswand hängt ein Klavier. Ein
echtes Klavier. Es ist an einem Bergsteigerhaken in etwa fünf Meter Höhe fixiert. Der
Philosoph schaut nach oben, scheint einen Moment über den Verfremdungseffekt zu
meditieren und bemerkt dann, wie um etwas zu entschuldigen: "Das hat irgendein
Spaßvogel dorthin gehängt."

Im Dorf wohnen tatsächlich komische Vögel. Im Bistro neben dem Parkplatz sieht
man junge Pariser aus dem Internet- oder Designsektor, die schon mal zum Spaß ein
Klavier in eine Felswand hängen könnten. Aber noch sind die runzligen, alten
Provenzalen und der Lavendelbauernnachwuchs in der Mehrzahl.

- "Sind Sie manchmal zornig, Herr Sloterdijk, oder haben Sie wie die Stoiker diese
Leidenschaft bezwungen?"

- "Ich habe mit dem Zorn eigentlich ganz gute Erfahrungen gemacht."

Wer Sloterdijks neues Buch, "Zorn und Zeit", gelesen hat, in dem er nichts weniger
versucht, als die Deutung der gesamten westlichen Geschichte als Geschichte des
Zorns, weiß, worauf er anspielt: Sublimation, die Verwandlung roher Triebsubstanz in
Produktivität, sei für einen ausgeglichenen Lebenslauf nicht nur auf der Ebene des
Erotischen empfehlenswert, schreibt er dort. Sondern auch auf der des
" Thymotischen", der Ebene des Zorns. Die Geschichte der westlichen Überlieferung
hebt mit der Beschwörung des Zorn-Gefühls an: "Den Zorn singe, Göttin, des
Peleussohns Achileos, / Den unheilbringenden Zorn . . ." So lauten die ersten Zeilen
von Homers Ilias. Mit dem Zorn fing alles an.

Bhagwans Empfehlungen

Zornig hat man den notorisch und programmatisch gelassenen Philosophen, der im
ZDF die einsame Intellektuellennische namens "Philosophisches Quartett" mit
sympathischem Phlegma moderiert, öffentlich nur einmal erlebt: Als man ihn nach
seiner Elmauer Rede "Regeln für den Menschenpark" (1999) über Humanismus,
Heidegger und Gentechnik verdächtigte, einer menschenverachtenden
Züchtungsideologie das Wort zu reden. Damals bezeichnete er in einem ebenso
grundzornigen wie komischen Zeitungsartikel die Polemiken seiner Angreifer als das
" Schnattern der kapitolinischen Gänse", die "Angst vor den Galliern haben". Wenn
Sloterdijk heute noch, da er im Ausland längst als wichtigster deutscher Philosoph
neben Jürgen Habermas anerkannt ist und dort ausführlich rezipiert wird, überhaupt
noch Grund hat, zornig zu sein, dann versteht er es, die Zornkräfte geschickt zu
nutzen. Seit dem "Menschenpark"-Eklat hat er vier Bücher, fast dreitausend Seiten
philosophischer Prosa, veröffentlicht. Das Thymotische ist die zentrale
Begriffsprägung in "Zorn und Zeit": Griechisch "thymós" heißt das Organ, das nach
der Säftelehre der antiken Medizin für die zornige Aufwallung verantwortlich ist.
Sloterdijk stellt in "Zorn und Zeit" den Thymós dem Eros an die Seite und will damit
die Anthropologie der Psychoanalyse korrigieren, die den Menschen bisher nur als
" Hampelmann der Liebe porträtierte" - als hormongebeuteltes Sexmonstrum unter
Sublimierungszwang. Zornig ist man nach Freud dann, wenn der Eros unzureichend
sublimiert werde oder Liebesdinge in ihr haßerfülltes Gegenteil umschlügen. An der
Psychoanalyse läßt Sloterdijk kaum ein gutes Haar: "Von Ferne weiß die kühlere
Jugend unserer Tage noch, was es mit Narziß und Ödipus auf sich hatte - an ihren
Schicksalen nimmt die dennoch eher gelangweilt Anteil. Sie sieht in ihnen keine
Urbilder des Menschseins mehr, sondern bedauernswerte, im Grunde ziemlich
belanglose Versager."

Mit der Einführung dieser zweiten Grundkraft neben dem Eros, dem Thymós, dem
zornbildenden Trieb, hat Sloterdijk ein ebenso simples wie verblüffend stimmiges
Schema für seinen "politisch-psychologischen Versuch" gefunden, wie "Zorn und
Zeit" im Untertitel heißt. Psychologisch ist sein Essay im Sinne Nietzsches, der sich,
wie heute Sloterdijk, als Diagnostiker der individuell wie kollektiv wirksamen
Kränkungsfolgen, der "Ressentiments", verstand. Der Zorn reagiert bei Sloterdijk auf
die psychischen Kräfte des Eros und erzeugt kulturbildende "Symptome" wie Stolz,
Ambition, Ehre, Selbstbehauptungswillen, aber auch zerstörerische Kräfte wie
Empörung, Aggression oder Kampfbereitschaft. Die "thymós-vergessene
therapeutische Kultur" jedoch greife zu kurz, wenn sie zu der Vorstellung Zuflucht
nehme, daß Thymotiker nichts anderes seien als Opfer eines neurotischen Komplexes.

Der Philosoph sitzt in dem winzigen Vorhof seines Hauses, des ehemaligen
Pfarrhauses des Dorfes, zwischen großen Oleandern, die gerade so zwischen
Gartentisch und Hofmauer passen. Er trinkt Tee, seine beste Schreibstimulanz - neben
einer Cohiba ab und zu. Ob er zur Kompensation seiner thymotischen Kräfte heute
noch irgendeine Meditationspraxis ausübe? "Fahrrad fahren. Sie haben einen Mann
vor sich, der bei guter Kondition in drei Stunden den Gipfel des Mont Ventoux
bezwingt." Körperliche Anstrengung sei ihm schon von Bhagwan Shree Rajneesh
empfohlen worden, als er Ende der Siebziger in dessen Ashram war. Wie die meisten
seines Alters habe auch er sein therapeutisches Jahrzehnt gehabt, aus dem
aufzutauchen dann schließlich doch ein großes Aufatmen gewesen sei. Bhagwan habe
den Persönlichkeiten, die eher für die Vita activa disponiert waren, die introspektiven
Meditationstechniken empfohlen und denen, die wie er ohnehin auf die
Kontemplation ausgerichtet waren, die eher körperlichen.

"Zorn und Zeit" bezieht sich auf Heideggers Hauptwerk, weil Sloterdijk den Zorn als
zeitstiftende Kraft für mächtiger hält als Heideggers kryptotheologisches "Sein-zum-
Tode". Bei diesem entspringt aus der Reflexion des Endes die "existentiale Zeit". Bei
Sloterdijk ist der Zornige, der ein Racheziel hat, "der erste, der nicht nur in
Geschichten lebt, sondern auch Geschichte macht": Das Dasein könne sich ebensogut
daran orientieren, daß es als Ganzes "die Strecke von der Kränkung zur Rache
durchläuft. Aus solcher Hingespanntheit auf den entscheidenden Augenblick
entspringt die existentiale Zeit - und diese Stiftung eines Seins-zum-Ziele ist
mächtiger als jede vage heroische Meditation des Endes."

Der explosive Mensch

Sloterdijk analysiert mit diesem Rüstzeug nun die großen kollektiven Zornphänomene
der Geschichte. Daß er in seinem Durchgang durch die westliche Historie dabei
Jakobinismus, Stalinismus und Faschismus direkt auf die monotheistischen
Religionen folgen läßt, mag für manche anstößig erscheinen - für die, die Nietzsches
Kritik von Platonismus, Judentum und Christentum nichts abgewinnen können. Aber
bei genauerem Hinsehen würdigt Sloterdijk den biblischen Gerechtigkeitsgedanken
ebenso wie das Liebesgebot des Christentums. Doch im Monotheismus kann sich
eben auch das manifestieren, was Sloterdijk mit dem Begriff der "Zornbank" erklärt:
Individuelle Zornpotentiale werden kollektiv organisiert und über Räume und Zeiten
unheilvoll weitergegeben. Dabei verwendet Sloterdijk die Allegorie des Bankwesens
für die institutionell gebündelten Zornprojekte. Der Zorn in seiner diffusen
Anfangsgestalt wird von Zornbanken und -sparkassen zu höheren
Organisationsgraden entwickelt. Dadurch entsteht aus individueller Emotion das
politische Programm. Und mit der Zeit wird ein weltgeschichtliches
Revolutionsprojekt zugunsten der Erniedrigten und Beleidigten wirksam.

Neben den revolutionären Bewegungen beschreibt er auch die monotheistischen
Religionen als Zornbanken. - Was hält er selbst von der angeblichen Wiederkehr des
Religiösen? Praktiziert er eine Religion? Der Philosoph tätschelt seinen Hund, mit
dem seine Frau gerade Gassi gehen will. "Meiner Ansicht nach hat das Interesse an
Religion die Religion selbst allmählich zu ersetzen. Übrigens: füllt sich ein Mensch
dauerhaft mit Gott, wird er Fanatiker oder Psychotiker - er wird explosiv."

Der Monotheismus in seinen historischen Gestalten - nicht als philosophische Idee -
funktionierte als "metaphysische Rachebank": Sintfluten, Apokalypsen, Höllenstrafen
- die Droharsenale der prophetischen, apostolischen oder dschihadistischen
Zornbänke sind prall gefüllt, auch wenn die beiden ersteren zumindest
zwischenzeitlich befriedet scheinen und im 20. "Jahrhundert der Extreme" durch noch
grausamere säkulare Zornanstalten ersetzt wurden. In einer pointierten Analyse des
Links-Faschismus, den Sloterdijk mit den Jakobinern beginnen läßt und über den
Marxismus-Leninismus-Stalinismus bis 1989 verfolgt, zeigt er ein Panorama der
geschichtlichen Zornstrukturen, unterbrochen von Phasen der "zweiten Chancen und
dritten Orte", sozusagen zum Ausruhen von der Geschichte.

Die frohe Botschaft Sloterdijks ist, daß die Geschichte als chronischer Wutanfall mit
der Implosion der Zorn-Ideologien vorbei ist. Auch der militante Islamismus oder der
" War against Terrorism" sind keine Ausnahme: "Das gleichzeitige Auftauchen des
Terrorismus im Außenverhältnis der westlichen Zivilisation und einer neuen sozialen
Frage in ihren Innenverhältnissen darf gerade nicht als Indiz für eine ,Rückkehr' der
Geschichte verstanden werden. Der Modus vivendi des Westens und seiner
Filialkulturen ist in den wesentlichen Punkten tatsächlich nachgeschichtlich in einem
technischen Sinn (das heißt: formal nicht mehr am Epos und an der Tragödie
orientierbar; pragmatisch nicht mehr auf den Erfolgen des unilateralen Aktionsstils
aufzubauen) - und eine Alternative zu ihm, die Rückfälle in historische Drehbücher
lancieren könnte, läßt sich beim gegenwärtigen Stand der Dinge nirgendwo
erkennen."

Nach Sloterdijk ist das liberale, auf Koexistenz aufbauende "Weltsystem" etabliert,
der Terrorismus ist tödlich-absurdes Medientheater von Leuten, die schlechte
Verlierer sind. "Große Politik" geschehe heute ausschließlich noch "im Modus von
Balanceübungen". Die geschichtliche Zeit war "Lernzeit für Zivilisierungen". Worauf
zu hoffen ist, ist "ein Set von interkulturell verbindlichen Disziplinen" - eine
" Weltkultur", die ihren Namen verdient.

Endlich ankommen in der Welt und nicht mehr nur Fremdling sein auf Erden - was
für ein Traum. In Sloterdijks Hauptwerk, den drei kiloschweren Bänden der
" Sphären", ging es um die metaphysische und terrestrische Wohnbarmachung der
Welt. "Zorn und Zeit" zeigt die unappetitlichen Geburtswehen unseres Zeitalters der
Nach-Geschichte. Der Philosoph Sloterdijk, dieser Spezialist in Dingen des Wohnens,
macht noch eine kleine Führung durch sein schönes Provence-Häuschen, das sich
nach hinten zu einem Terrassengarten öffnet, mit einem atemberaubenden Blick über
die Ebene. Und er zeigt sein High-Tech-Mountain-Bike, mit dem er heute nachmittag
noch eine Tour machen will.

Peter Sloterdijk: "Zorn und Zeit - Politisch-psychologischer Versuch". Suhrkamp
2006. 22,80 Euro
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38 / Seite 28
Quelle:

Von Marius Meller
Zum Original:
go
und http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~E5CFF73C16A124A2D95055BC4691E0E4F~ATpl~Ecommon~Scontent.html