Terrorismus als Entertainment? - Peter Sloterdijk über den Zorn

Interview: Michael Kerbler
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Interview (Ausschnitt):

Peter Sloterdijk: Wir haben jetzt also vier solche Parteien, die diese Kloakenfunktion ganz deutlich wahrnehmen. Was sehr gut ist, dass es jetzt endlich im parlamentarischen Raum stattfindet und nicht mehr nur in der Kanalisation. Das ist mir persönlich lieber. Es gibt andere Intellektuelle, die sagen, es ist besser, man hält diese Dinge unter der Decke. Ich glaube das nicht. Die Leute haben jetzt die Aufgabe, diese Klärwerkfunktionen unter Beobachtung der Öffentlichkeit durchzuführen. Die Wählerschichten wissen, warum sie die gewählt haben. Das heißt es gibt diese Masse an Zorn, Unzufriedenheit und Protest in der Bevölkerung. Und es wäre einem demokratischen System nicht angemessen, wenn dieser Druck ganz ohne echte Repräsentation da wäre. Aber die Politiker dürfen nicht ... und daran werden sie sich messen lassen müssen: Sie müssen die Klärwerkfunktion wahrnehmen, das heißt sie müssen aus diesem Zorn, aus dem dunklen Material ein höherwertiges politisches Produkt erzeugen. Das heißt sie müssen in die Rechtsfindung eingreifen, im produktiven Sinn. Sie müssen eine Art politischer Wertschöpfung betreiben. Und das ist etwas anderes als Agitation! Daran werden sie sich messen lassen müssen.

Michael Kerbler: Sie schreiben in Ihrem Buch, "belastbare Langeweiler werden uns nicht aus der Misere führen". Da haben Sie ja sicher an jemanden gedacht, aber jedenfalls die Problemlösung scheint offenbar - wenn ich Sie richtig interpretiere - zu sein: Die Politik muss wieder radikaler werden. Im ursprünglichen Wortsinn. Man muss Ausbeutung "Ausbeutung", Unrecht "Unrecht" und Klassengesellschaft "Klassengesellschaft" nennen dürfen. Auch wenn "Klassengesellschaft" heute vielleicht eher durch unterschiedliche Bildungszugänge definiert ist als durch Einkommensunterschiede.


Das ist richtig. Man muss für eine erhöhte Sprachhygiene sorgen. Es ist in der Tat so, dass wir im Moment in politischen Dingen unter einer erschreckenden Ausdrucksarmut leiden und einer ebenso bedenklichen Unfähigkeit die Dinge beim Namen zu nennen. Aber wir müssen uns zugleich hüten, die historischen Namen mechanisch weiter zu benützen, um das von Ihnen gegebene Beispiel der Klassenanalyse zu bemühen. Ich selber habe in dem Buch zu Ausdruck gebracht, warum ich vor einer Wiederaufnahme der marxistisch definierten Klassenterminologie warne, weil diese Ausdrücke eben mit völkermörderischen Implikationen beladen sind. Wer unter marxistischen Vorzeichen von "Klasse" spricht, konstituiert ja sozusagen ein Täterkollektiv, oder genauer gesagt ein Opferkollektiv, das zum Täterkollektiv werden will und das dem vorherigen Kollektiv der Wohlhabenden an die Kehle geht. Die historischen Beispiele sind zu erschreckend, als dass man diese Terminologie unbesehen wieder verwenden dürfte.

Aber alles, worauf Sie sonst hinweisen, ist völlig richtig. Man muss natürlich die Fragen nach der sozialen Gerechtigkeit wieder hoch und groß schreiben und dann in einem permanenten Klärungsvorgang die Differenz zwischen dem Verlangen nach Gerechtigkeit und ihrem Ressentiment ausdiskutieren. Das ist die psychopolitische Arbeit, die das 21. Jahrhundert leisten muss. Denn wenn dieser Vorgang nicht gelingt, wenn wir nicht Ressentimentanalyse auf höherer Stufe weitertreiben können, dann schwemmt uns diese neue Wutwelle, die sich bereits artikuliert, die gesamte Zivilisation davon.
Hör-Tipp, Im Gespräch, Donnerstag, 28. September 2006, 21:01 Uhr


Interview: Michael Kerbler
Zum Original:
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