Sammelt euren Zorn -
Peter Sloterdijk hält ein Plädoyer
für politische
Empörung auf Weltniveau - Von Hans-Jürgen Heinrichs
Ich
empöre mich, also sind wir“ – welch ein Pathos
individueller Auflehnung in Albert Camus’ „Der Mensch
in der Revolte“! Und nicht nur das: Die Empörung zieht
ein existenzielles Zusammengehörigkeitsgefühl nach
sich. Solch ein Glaube gehört einer anderen Epoche an. Wie
ist es dazu gekommen, dass Empörung, Erregung und Zorn keinen
gesellschaftlich wirksamen Zusammenhalt mehr für sich in
Anspruch nehmen können?
Dieser Fragenkomplex liegt Peter
Sloterdijks neuer Studie „Zorn und Zeit“ zugrunde.
So dringt er in diesem groß angelegten „politisch-psychologischen
Versuch“ in die Tiefen der Affekte und deren gesellschaftliche
Bedeutung ein. Vehement attackiert der Philosoph die Psychoanalyse,
die ihm immer schon als Vergleichsfolie diente, gegen deren Begrifflichkeit
er ein fließendes, nicht kategorial festgezerrtes Denken
durchzusetzen versucht. Allerdings mit ausgeprägt rebellischem
Gestus. Jacques Derridas Dekonstruktionsprinzip – Systeme
an ihren Schwachstellen stark zu machen – kommt ihm unterwürfig
vor. Wie in allen seinen Schriften tritt er auch hier kämpferisch
auf und kritisiert die herablassende Art, in der die Psychoanalyse
Racheenergien auf einen Nebenschauplatz verschoben hat.
Im Rückgang auf Homers „Ilias“ möchte
Sloterdijk dem Zorn, dem „unheimlichsten und menschlichsten
der Affekte“, wieder einen geistigen Raum eröffnen.
So soll gesellschaftliches und politisches Handeln nicht nur in
seiner zerstörerischen Dynamik wahrgenommen werden. Der Ansatz
ist ähnlich wie in seiner „Sphärologie“:
von menschlichen Intimformen auszugehen, um den vermeintlich harten
Kern des Wirklichen zu entlarven.
Dagegen entwickelte er das Bild einer von ihm so genannten „Schaumzellengesellschaft“,
einer fragilen, dünnwandigen, gewebeartigen Formation, vergleichbar
den Vorstellungen der modernen Biologie und Quantenphysik. Die
ontologische Kategorie des Seins in Martin Heideggers „Sein
und Zeit“ wird gegen einen psychologisch relevanten Begriff
ausgetauscht. Und Zeit ist gleichbedeutend mit Geschichte. So stellen
die „Sphärologie“ und „Zorn und Zeit“ dynamisierte
Ontologien dar, in denen auch von Affekten, von sogenannten „thymotischen
Kraftzentren“ und von Revolutionen die Rede ist.
Das erste zentrale, sprachgewaltige Kapitel des Buches ist mit „Zorngeschäfte
im allgemeinen“ überschrieben. Hier wird der Übergang
von der diffusen intimen Emotion zu organisierten politischen Programmen
der „Zornwirtschaft“, der „Zornbanken“ erörtert:
Der Zorn auf der Explosionsstufe entlädt sich eruptiv – etwa
im aktuellen Beispiel der Pariser Banlieue-Unruhen. Wird der Zorn
aber nicht mehr nur verschwendet, sondern gleichsam angelegt und
verwertet, können daraus investierbare Kapitale entstehen.
Im Klima des Hasses und der Rachevorhaben zwischen dem Westen und
dem Islamismus nimmt der Zorn die Form eines übergreifenden
Projekts an und geht (als eine „Bankform“) weit über
das szenisch-theatralische Ausagieren von Gruppen oder Einzelnen
hinaus.
Der in der biblischen Genesis dargestellte Brudermord sowie die
Fluchpsalmen und Feindvernichtungsgebete aus dem Psalter des Alten
Testaments haben als Zornakkumulationen für Sloterdijk große
Bedeutung. Da es sich nicht um eine spontane Eruption von Affekten
handelt, prägen sie das Zorngedächtnis. Die heftigen
Psalmwendungen seien darauf angelegt gewesen, die „psychopolitische
Unwahrscheinlichkeit des Überlebens Israels in einer Zeit
der Niederlagen zu kompensieren.“ Es wäre natürlich
von besonderem Interesse, diese frühen verbalen Kraftakte
und „religiösen Fluchsprachspiele“, diese kämpferisch-zornigen
Botschaften in Gebetsform in Beziehung zu der heutigen Kriegsführung
Israels zu setzen. Drohgebärden haben begrenzte historische
Laufzeiten: Der von der katholischen Kirche angedrohte Zorn Gottes
oder der vom Kommunismus instrumentalisierte Zorn auf den Kapitalismus
waren der Dynamik der Moderne nicht gewachsen. Als der Kommunismus
seine Drohkapazität für den Umsturz bestehender Verhältnisse
verlor, war damit auch diese irdische Agentur des christlichen
Weltgerichts erledigt. Die Islamisten besetzen in der postkommunistischen
Konstellation die freigewordene Stelle einer Bankform des Zorns,
allerdings mit nur geringer Aussicht, die Rolle einer Weltoppositionsbewegung
zu spielen.
Die Empörung habe, so Sloterdijk, keine Weltidee mehr vorzuweisen.
Die Erniedrigten, Beleidigten und an den Rand Gedrängten besitzen
in den Parteien und Reformbewegungen nur noch schlappe Organe,
die sie repräsentieren könnten. Das „Zeitalter
der Extreme“ scheint zu Ende zu sein. Sogar die Erwartung
einer weltweiten Naturkatastrophe sei außerstande, einen übergreifenden
Horizont verbindlicher Aufbrüche zu stiften: „Es könnte
zum Stigma des 21. Jahrhunderts werden, die Ausbildung des Sinns
für gemeinsame Situationen von unten nicht rechtzeitig zu
schaffen.“
Wir müssten, so Sloterdijk, das Gericht in die Gegenwart verlegen.
Und einen neuen Träger des Zorns und des Zornwissens ausfindig
machen? Die europäische Linke – die zum Teil lange Zeit
die kaltblütige Realpolitik des stalinistischen und maoistischen
Zornmanagements und Selbstzerstörungswahns verkannte – suchte
unermüdlich nach Möglichkeiten, dem Zorn der Benachteiligten
eine angemessene Sprache und Handlungsfähigkeit zu verleihen.
Die Linksparteien als Hoffnungsträger verharren in der bloßen
Geste scharfer Reden, oder sie haben sich – als „modernisierte
Sozialdemokratien à la New Labour“ – definitiv
vom Image einer Zornrepräsentanz abgelöst und die Wende
zu einer Art kapitalistischer Erotik vollzogen: einem Kapitalismus,
der mit seinem Verschwendungs- und Überschusspotenzial fortan
jedem offen stehen soll.
An diesem Punkt wird für Sloterdijk der Begriff der Gier – als
Korrelat zum heimatlos gewordenen Zorn – von zentraler Bedeutung.
Am Beispiel Rumäniens und Albaniens gelingen ihm polit-ökonomische
Analysen von einer Dichte und Sprachmächtigkeit, die man seit
Georges Batailles fulminanten Schriften zur Ökonomie und Erotik
so nicht mehr vernommen hat. Sloterdijk erprobt eine der Dramatik,
Vitalität und Erotik des Kapitalismus adäquate Sprache,
die uns nachfühlen lässt, was ein gier-dynamisches System
par excellence mit den Menschen anzustellen vermag.
Das diesem System eigene und sich in die Menschen unwiderstehlich
einschleichende Moment des Haben- und Erreichenwollens, um die
tiefen Gefühle des Mangels für immer auszulöschen,
wird durch einen Begriff wie „Konsumgesellschaft“ nur
noch sehr ungenügend beschrieben. Immer riskantere „Gieraktivitäten“ und „kreditbasierte
Genussbeschleunigungsspiele“ sind grundlegend für dieses
System.
„
Zorn und Zeit“, das Buch eines der letzten Visionäre
des Weltgeschehens auf philosophischer Bühne, wird Fragen
aufwerfen. Zum Beispiel danach, ob sich in Zukunft nicht Zornsammelstellen
von megaglobalen Ausmaßen und Schrecklichkeit herausbilden
könnten. Eine der schlimmsten wäre die Atombombe in den
Händen der unberechenbaren Mächte in Iran, Pakistan und
Nordkorea. Oder wird der Mensch ganz im Gegenteil in Zukunft transformatorische
Kräfte ausbilden, die den Zorn umwandeln in eine konstruktive
Kraft ?
Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit.
Politisch-psychologischer Versuch.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.
356 S., 22,80 €.
Tagesspiegel vom 4. Oktober 2006
Zum Original |