Jacques
Derrida neu entdeckt - "Derrida,
ein Ägypter" von Peter Sloterdijk.
Von Hans Jürgen Heinrichs 
Für Peter Sloterdijk steht die Forderung nach Distanz im Dienst
einer Wertschätzung. Distanz heißt dabei aber nicht
Nivellierung und empathielose Sachlichkeit, sondern die Gewinnung
einer geeigneten Betrachterposition, um sich tatsächlich ein
umfassendes Bild von der Größe des Philosophen Jacques
Derrida zu machen. Zu diesem Zweck setzt Sloterdijk Derrida zu
bedeutenden Autoren in Beziehung.
Bereits
der Titel von Peter Sloterdijks neuestem Buch verweist auf das
von ihm angewandte Verfahren: Es handelt sich nicht um
eine werkimmanente Rekonstruktion der Gedanken des großen,
2004 verstorbenen Philosophen Jacques Derrida. Was Sloterdijk
vielmehr anstrebt, ist die Erschließung überpersönlicher
und werkübergreifender Horizonte. Auf diese Weise kommt
die fremdartig anmutende Charakterisierung Derridas als Ägypter
zustande. Derrida selbst war solchen Vorgehensweisen gegenüber
skeptisch und sah darin eher die Verweigerung einer genauen Textanalyse.
"
Wenn ich mich dennoch, diese Warnung im Gedächtnis, für
diesen zweiten Weg entschieden habe, dann aus dem Grund, weil ich
denke, an ekstatisch-buchstäblichen Derrida-Lektüren
in aller Welt bestehe ohnehin kein Mangel; zum anderen weil ich
den Eindruck nicht loswerden kann, dass man bei all der berechtigten
Bewunderung für diesen Autor nur selten auf ein hinreichend
distanziertes Urteil über seine Stellung im Feld der zeitgenössischen
Theorie trifft."
Für den in Karlsruhe und Wien Philosophie und Ästhetik
lehrenden Peter Sloterdijk steht seine Forderung nach Distanz im
Dienst einer Wertschätzung. Distanz heißt dabei aber
nicht Nivellierung und empathielose Sachlichkeit, sondern die Gewinnung
einer geeigneten Betrachterposition, um sich tatsächlich ein
umfassendes Bild von der Größe dieses Autors, von dem
geistigen Gebirgszug zu machen, in dem Derrida als eine der höchsten
Erhebungen aufsteigt. Zu diesem Zweck setzt Sloterdijk Derrida
zu bedeutenden Autoren in Beziehung, löst dessen Denken aus
dem originären Kontext heraus und ortet es neu unter
anderem in Bezug zu Niklas Luhmann, Sigmund Freud, Thomas
Mann und Hegel.
So entstehen sieben in sich abgeschlossene Vignetten oder
essayistische Impressionen und Meditationen, die aber auch
zugleich in einer
konzeptuell aufgebauten Abfolge stehen.
Der innerste Kern, der die Texte zusammenfügt und der auch
im Titel aufscheint, ist das Verhältnis des Judentums zu Ägypten.
Sloterdijks Titel-Formulierung "Derrida, ein Ägypter" lehnt
sich an die Überschrift "Moses, ein Ägypter" in
Freuds Spätwerk "Der Mann Moses und die monotheistische
Religion" an.
"Derrida formalisiert den von Freud erläuterten
Gedanken, wonach man nicht Jude sein kann, ohne in gewisser
Weise Ägypten -
oder ein Gespenst Ägyptens - zu verkörpern [...]
Der Auszug aus Ägypten brachte, nach Freud, die mosaischen
Juden als ein heteroägyptisches Volk hervor."
Auf intellektuell und stilistisch brillante, zuweilen
sprachspielerisch übermütige
Art und Weise beschreibt Sloterdijk den Exodus, die jüdische
Sezession von der ägyptischen Welt:
"Die Wissenschaft von den Religionen wird eine Teildisziplin der
Transportwissenschaft [...] Der Aufbruch Israels aus Ägypten
ist der Archetypus aller Transportgeschichten."
Die Frage, wie Gott reisefähig gemacht werden konnte, wurde
von den Juden auf geniale Weise beantwortet: Die schweren Götter
der Ägypter konnten aufgrund ihrer steinernen Unbeweglichkeit
nicht auf die Reise gehen. Das Medium Stein musste in
das Medium Schriftrolle transformiert werden.
"Wenn also die jüdische Verschriftlichung Gottes seine Übersetzung
ins transportable Register mit sich brachte, liegt es
nahe zu vermuten, es könnte dem jüdischen Volk auch die Übersetzung
des Archetypus Pyramide in ein tragbares Format gelungen
sein."
Wer Sloterdijk bis zu diesem Punkt neugierig und gebannt
gefolgt ist, die Verknüpfungen des Derridaschen
Werkes mit der Gedankenwelt von Niklas Luhmann, Sigmund
Freud, Thomas Mann, Franz Borkenau
und Régis Debray in sich aufgenommen hat, wird in dem
Kapitel "Hegel und Derrida" eine weitere sprachliche
Zuspitzung vernehmen:
"
Noch suchen wir nach einem beweiskräftigen Indiz dafür,
dass Derrida selbst die Kontinuität bewußt war, durch
die das Immobilienunternehmen Pyramide mit dem jüdischen
Projekt verbunden blieb, Gott ein mobiles Format zu
geben [...] Derrida
dachte die Pyramide als eine transportable Form."
Alle
Kapitel dieses Bandes durchzieht die Frage nach der Legitimation,
Effektivität und auch Zukunft von Derridas Verfahren der
Dekonstruktion, das Texte in seinen Schwächen und Brüchen,
Sprüngen
und Lücken stark zu machen versucht. Ist dieser
sich ganz in den Dienst eines Textes stellenden
Interpretation eine unterwürfige
Haltung eigen, wie dies Sloterdijk in seiner letzten
Studie "Zorn
und Zeit" kritisch vorbrachte? Oder ist diese
Vorgehensweise nicht in erster Linie ein enorm
produktives, jeden Text aufwertendes
und in möglichst vielen Perspektiven bedenkendes
Vorgehen, das jede Einseitigkeit und projektive
Verzerrung auszuschließen
versucht? Ganz in diesem Sinne spricht denn auch
Sloterdijk im vorliegenden Band vom dekonstruktiven
Gebrauch der Intelligenz
als einer "Prophylaxe der Vereinseitigung".
So gesehen erhält Derridas Unentschiedenheit
in vielen Fragen den Charakter eines konstitutiven
Schwankens, das, als methodische Haltung, nur
noch sehr wenig mit einer persönlichen Unentschiedenheit
zu tun hat.
Dennoch hat das ganz persönliche Schwanken Derridas zwischen
der Überzeugung, dass mit seinem Tod auch sein Werk aus dem
kulturellen Gedächtnis verschwinde und der gleichzeitige Glaube
an das Überleben seiner Theorie, auf Sloterdijk eine nachhaltige
Wirkung ausgeübt. Seine eigenen Überlegungen werden nun
mit Sicherheit zur Fortdauer von Derridas Gedankenwelt beitragen,
vor allem dadurch, dass sie Sloterdijk aus dem originären
Kontext herauslöst und ihr neue, weite Assoziationsräume
erschließt. Ein solches Verfahren zielt gerade nicht auf
eine Derrida von außen zugewiesene Identität. Die experimentelle
Neuordnung und erweiternde Zuordnung seiner Vorstellungen ebnen
seine Singularität nicht ein. So eröffnet Sloterdijk
durch die Hinzunahme von Niklas Luhmann eine zunächst höchst
befremdliche, dann aber umso aufschlussreichere Konstellation zweier
Denkformen, die für das 20. Jahrhundert exemplarischen Charakter
haben, die Aufbruch und Abschluss einer epochalen Entwicklung signalisieren.
Im Bezug zu Freud kann Sloterdijk Derridas Schlüsselbegriff
der "Verschiebung" oder "Entstellung" eine
enorme Tragweite verleihen. Schließlich erlaubt die Lektüre
Sigmund Freuds und Thomas Manns einen neuen Blick auf Derridas
Dekonstruktionsverfahren und macht verständlich, inwiefern
die Juden nach ihrem Auszug aus Ägypten ein heteroägyptisches
Volk wurden, das ihr Ägyptertum mit anderen Mitteln fortsetzte.
Die Frage nach dem Weg, den die Pyramide auf den Pfaden der Textwerdung
in den jüdischen Schriftrollen)zurückgelegt hat, beendet
Sloterdijk in dieser teilweise mitreißend spekulativen Reflexion
mit einer Formulierung, die sich aus höchster
Abstraktion und tiefer Mystik speist:
"In jedem Moment, in dem es sich auf sich besinnt, steht das Leben
an seinem Grab-Schacht, seiner selbst gedenkend
- aus der Tiefe tönen die Stimmen des eigenen Gewesenseins."
Rezensent: Hans Jürgen Heinrichs
Zum Original: 
und http://www.dradio.de
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