"Operette
der Entscheidungen"
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Philosoph Sloterdijk: G8-Gipfel ist für Medien
inszeniert.
Moderation:
Liane von Billerbeck 
Der
Philosoph Peter Sloterdijk hat Versammlungsformen wie den G8-Gipfel
kritisiert. Auf der einen Seite gebe es den Gipfel, der auf der
Weltbühne "eine Art von Operette der Entscheidungen
oder der Entscheidungsfähigkeit" aufführe, sich
aber in Wahrheit gegensätzlich blockiere. Auf der anderen
Seite gebe es die Protestierer, die ein "Musical" aufführten,
in dem die "verschiedensten Melodien" von "Interpretationen
der Weltlage" gespielt würden, sagte Sloterdijk.
Liane von Billerbeck: Mit dem Philosophen Peter Sloterdijk,
der gerade mit seinem Buch "Zorn und Zeit" auf Lesereise
ist. Guten Morgen, Herr Sloterdijk.
Peter Sloterdijk: Guten Morgen.
Von Billerbeck: "Die Empörung hat keine Weltidee mehr
vorzuweisen", schreiben Sie in Ihrem Buch. Jetzt haben wir
aber die Bilder von den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm
gesehen - am Zaun in Rostock, Greenpeace auf dem Wasser, beim Kirchentag
in Köln. Könnte daraus wieder eine solche Weltidee des
Zorns werden?
Sloterdijk: Das
glaube ich nicht, das hoffe ich auch nicht, denn die Menschheit
hat mit den bisherigen großen Organisationen
des Zorns eher problematische Erfahrungen gemacht. Wenn wir insbesondere
sozusagen an die kommunistische Unternehmung denken, den Zorn der
gesamten Erniedrigten und Beleidigten in einer einzigen Partei
zu sammeln und daraus revolutionäre Politik abzuleiten, so
ist das eher eine abschreckende Idee. Der Zorn ist auch ja nicht
dazu da, um Politik zu machen, sonder um sich selbst sozusagen
zu verwandeln in ein Selbstgefühl, mit dem die Träger
des Zorns besser leben können.
Von Billerbeck: Aber
nun hat die Welt ja genug Probleme - Armut, Hunger, Krankheiten,
Umweltzerstörung, so viel -, dass, wie
man bei Ihnen nachlesen kann, es für mehr als ein 1917, also
eine Oktoberrevolution reichen dürfte. Warum lässt
sich daraus nichts Produktives filtern?
Sloterdijk: Die Sammlungsformen fehlen im Augenblick, und die Probleme müssen heute auf andere Weise gelöst werden als durch
die Konstitution von so großen Zornparteien oder Zornkörpern,
wie wir sie in der Geschichte beobachtet haben. Das ist etwas,
was die Zeitgenossen schwer verstehen, und deswegen wird auch zurzeit
eher fortgefahren auf der Linie der historischen Protestbewegungen.
Aber ich denke, das Schicksal dieser Protestbewegungen ist dadurch
vorentschieden, dass sich ja, wie wir in Deutschland es gerade
erleben, die Illusionen auf beiden Seiten des Zauns so sehr enthüllt
haben. Wenn acht mächtige Menschen zusammenkommen müssen,
um einen Beschluss vom Typ des eben Formulierten zu fassen, dann
wird klar, dass hinter dem Zaun ja eigentlich die acht ohnmächtigsten
Menschen der Welt sich versammelt haben und dass die Protestierer
sich in gewisser Weise in der Adresse irren, wenn sie glauben,
dass sie mit den G8-Chefs reden können oder reden müssen,
um ihre Anliegen vorwegzubringen.
Von Billerbeck: Liegt es vielleicht auch daran, dass
die Globalisierungskritiker ihre Proteste deshalb
nicht bündeln können, weil sich
das Ganze nicht auf ein einziges Ziel fokussieren lässt. Ich
sag mal, die Hausbesetzer in den 70er Jahren, die kämpften
für ein Dach überm Kopf, die Friedensbewegung
in den 80ern gegen die Raketenstationierung. Und jetzt
ist das aber alles
nicht so einfach, also die Zielrichtung ist nicht in
den Personen festzumachen, aber auch nicht in einer
griffigen Formulierung.
Sloterdijk: Das ist völlig richtig. Wir haben es heute mit
einem ganzen Regenbogen von oppositionellen Zielen zu tun. Die
fangen an mit den elementarsten Bedürfnissen von Menschen
in Not und reichen bis zu ausgesprochenen Luxusartikulationen,
und es ist so gut wie unmöglich, überall diesen einzelnen
Postulaten so etwas wie ein gemeinsames Dach zu konstruieren. Deswegen
sind ja auch die heutigen Bewegungen in sich sehr bunt, sehr heterogen
und verzichten weitgehend auf programmatische oder dogmatische
Formulierungen, um den Schein des Zusammenhalts nicht zu gefährden.
In meinen Augen handelt es sich eigentlich auch auf der Seite der
Demonstrierenden heute eher um eine Form der Festivalkultur. So
wie auf der einen Seite die Staatsmänner und Staatsfrauen
sich die Illusion erlauben, auf einem Gipfel Probleme zu diskutieren,
und das ist offenkundig auch eine Luxusform von Politik - und ernst
zu nehmende Persönlichkeiten des politischen Lebens sagen
ja, dass solche Versammlungen ziemlich überflüssig
sind -, so leisten sich aber auch die Protestierenden
sozusagen auf
unserer Seite des Zauns eher so eine Art von Luxuszusammenkunft.
Und ich denke, man versteht das, was da in Heiligendamm
geschehen ist, am besten, wenn man es unter dem
Oberbegriff Festival abhandelt.
Von Billerbeck: Vergleicht man die heutigen Proteste
mit denen in früheren Jahrzehnten oder Jahrhunderten, dann unterscheidet
sie ja vor allem eins: Die Protestierer können sich ganz schnell
informieren, vernetzen und koordinieren, aber trotzdem werden sie
nicht eins. Weshalb wird es eben doch nicht schlagkräftig,
was man da vereinen kann?
Sloterdijk: Ja, es gibt kein vereinigendes Programm,
weil es keine effektiv arbeitende Zornbank
gibt. Unter
diesem
Begriff
habe ich in dem Buch "Zorn und Zeit" die
Geschichte der Linken in den letzten 200 Jahren
resümiert und habe versucht
zu beschreiben, wie die Investitionen dieser
Zornkapitale erfolgt sind und wie übrigens
der Kommunismus des sowjetischen Typs auf einer
riesigen Veruntreuung dieser eingelegten Zornesguthaben
seiner Mitglieder beruhte. So etwas kann sich
im Augenblick nicht
wiederholen. Die größte und bedeutendste
und vielleicht auch konsistenteste Zornsammlung,
die im Augenblick auf der Weltbühne
zu beobachten ist, ist diejenige, die in der
Welt des Islam sich artikuliert. Im Vergleich
mit dieser sind die demokratischen Protestformen,
die sich heute im Westen artikulieren, eher
harmlos, aber sie haben
natürlich auch einen sehr starken und
produktiven Sinn. Denn im Grunde genommen sind
ja diesseits und jenseits des Zauns dieselben
Formen von Problembewusstsein anzutreffen.
Und wenn sich beide
sozusagen an die Medien wenden und die Kameras
wenden, dann sieht man ja sehr deutlich, dass
sie längst aus einem weithin gemeinsamen
Problembefund heraus agieren. Und die Tatsache,
dass so flaue und nichtssagende Beschlüsse
gefasst werden, drückt im Wesentlichen
nur aus, dass sich tatsächlich nicht die
mächtigsten,
sondern die ohnmächtigsten Menschen der
Welt hinter dem Zaun versammelt haben.
Von
Billerbeck: Wenn wir uns beide Seiten bei dem G8-Gipfel ansehen,
also das Treffen der
Staatschefs einerseits,
inszeniert vor der
weißen Stadt am Meer, Heiligendamm, dann sitzen sie in einem
halbrunden, extra angefertigten Strandkorb, und auf der anderen
Seite auch eine Inszenierung, Luftballons am Zaun, Steinewerfer
in Rostock, das Rockkonzert, Greenpeace auf Schlauchbooten - wie
wichtig ist diese Inszenierung für die Wahrnehmung des Gipfels
und für die Wahrnehmung des Protests?
Sloterdijk: Ich glaube, die ganze Inszenierung
ist für die
Medien gemacht. Auf der einen Seite ist das G8 so etwas wie ein
künstliches Ensemble, das auf einer Weltbühne eine Art
von Operette der Entscheidungen oder der Entscheidungsfähigkeit
aufführt, die sich aber in Wahrheit ja gegenseitig blockiert,
und auf der anderen Seite haben wir sozusagen ein Musical auf dieser
Seite des Zauns, in dem die verschiedensten Melodien gespielt werden,
in denen heute Interpretationen der Weltlage vertonbar sind. Und
beides kann nur wirklich werden, wenn die moderne Wirklichkeitsdefinition
erfüllt wird, nämlich in den Medien sein. Sein und In-den-Medien-Sein
sind identisch. Und für diese Identität
tun beide Seiten alles.
Von Billerbeck: Sie haben gesagt, das sei
gar nicht beklagenswert letztlich, dass
es diese
Weltidee
des Zorns nicht mehr
gibt, und haben auf den Islamismus hingewiesen.
Muss eine solche
Weltidee also immer gewalttätig sein, Frage also, hängen
Zorn und Gewalt immer zusammen?
Sloterdijk: Zorn und Gewalt stehen natürlich in einer positiven
Korrelation zueinander. Aber was die Welt heute wirklich braucht,
ist ja nicht sozusagen ein neuer Zornanlauf, sondern eine Zivilisationsidee,
die so stark ist, dass sie alle Mitspieler innerhalb der Weltökumene überzeugt
und an der Formulierung einer solchen zivilisatorischen Großperspektive
mitzuarbeiten.
Von Billerbeck: Reicht das Ziel, die
Rettung der Erde, dafür
nicht?
Sloterdijk: Nein, das glaube ich nicht,
denn die Erde rettet sich in der einen
oder anderen
Weise
ja selbst.
Was gerettet
wird, sind
ja immer nur die menschlichen Kulturen,
die menschlichen Lebensformen, die
sich heute
wie in einem großen Treibhaus
oder wie in einem großen Gewächshaus
mit der grünen Natur an
den Tisch setzen muss, um einen gemeinsamen
Modus vivendi auszuhandeln. Und dies
geschieht aber in tausend oder Millionen
zerstreuten Konferenzen,
wo Menschen jeweils an ihrem Ort die ökologische
Balance suchen müssen. Wobei sich
dann aus diesen lokalen Balancen die
globale erst ergeben kann. Aber die
Weltidee, nach der gesucht wird, liegt
im Bereich der Zivilisationstheorie
und nicht im Bereich der Kritik,
der Macht. Wir müssen froh sein,
dass es Macht gibt, die überhaupt
noch sich um die Regulierung der großen
Angelegenheiten zu kümmern bemüht.
Und in diesem Sinn ist die Weltidee,
aus der heraus künftige Politik
und auch künftiger Protest
sich speisen können, erst im Begriff
der Formulierung. ---
Anachronistische
Rituale - wohin führen die
Proteste gegen den G8-Gipfel? Wir
sprachen mit dem Philosophen Peter
Sloterdijk, der in seinem Buch "Zorn und Zeit" vom
Fehlen einer Weltidee für die Empörung
geschrieben hat. Ich danke Ihnen.
Zum Original: 
und http://www.dradio.de
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