Peter
Sloterdijk
Meister der fröhlichen Wissenschaft -
Kein deutscher Philosoph ist in seiner Produktivität derart
polarisierend und zugleich humorvoll. Peter Sloterdijks Werke
sind von beindruckender Beweglichkeit. An diesem Dienstag wird
er 60 Jahre alt. Der Schriftsteller Rüdiger Safranski gratuliert..
Von Rüdiger
Safranski 
Es ist Sommerzeit, Urlaubszeit. Alle Welt bricht zu anderen Welten
auf. Peter Sloterdijk hat auf seine unnachahmliche Art eine der
dabei notorisch vorkommenden Szenen so geschildert: "An glühenden
Nachmittagen im Trichter von Lyon, in der Rheintalhölle von
Köln, vor sich und hinter sich je fünfzig Kilometer brütendes
gestocktes Blech - da steigen schwarze geschichtsphilosophische
Einsichten auf wie Auspuffgase, da geht einem Kulturkritisches
glossolalisch von den Lippen. Nachrufe auf die Moderne wehen aus
den Seitenfenstern, und unabhängig vom Niveau der Schulabschlüsse
kommt in den Insassen der Fahrzeuge die Ahnung auf, dass dies nicht
mehr lange so weitergehen kann.
"Das
ist ein Kabinettstück des typischen Sloterdijk-Sounds.
Es stammt aus seinem Buch "Eurotaoismus. Zur Kritik der
politischen Kinetik" von 1989, das neuere Aspekte der
mobilisierten und beschleunigten Moderne beschreibt.
Apokalypseprediger drängeln sich
Alles gab es damals schon, was seitdem nicht aufgehört hat,
unser Leben zu bestimmen: die Globalisierung, das Wachstum
der Produktion, der Informationen, des Ozonlochs, des Rentenfinanzierungslochs,
der Sinndefizite und Sinndefizitbewirtschaftungsmaßnahmen;
Beschleunigung überall, auch bei der Produktion von
Theorien über
die Katastrophendrift der globalen Zivilisation.
Auf
den Ausfallstraßen in Richtung Zukunft kommt
es seitdem zu Staus der Apokalypseprediger- und therapeuten.
Peter Sloterdijk
aber hat sich als zu beweglich und einfallsreich und
auch als zu gutgelaunt erwiesen, um in solchem Stau stecken
zu bleiben.
Das
konnte man bereits ahnen, als ich ihn 1981 kennen lernte.
Er vibrierte vor sanfter Entschlossenheit.
Ich werde nie
vergessen, wie er mir bei einem Besuch in Berlin
von jenem Essay erzählte,
an dem er gerade arbeitete, der "Kritik der zynischen
Vernunft".
Ich gab damals mit einigen Freunden eine Kulturzeitschrift
heraus, die "Berliner Hefte". Wir wollten
einen Vorabdruck bringen.
Abrechnung mit dem Aussteigertum
Unsere Zeitschrift ging ein. Das Buch aber, dem man
schon bei seiner Entstehung die unerhörte
Kraft anmerkte, stieg empor wie eine Leuchtrakete.
Es hat die Öffentlichkeit bewegt, wie
kaum ein anderes philosophisch-zeitdiagnostisches
Werk der Nachkriegszeit.
Manche lasen es, als hätte der Titel gelautet: "Über
das Aussteigertum. Reden an die Gebildeten
unter seinen Verächtern".
Tatsächlich
war es eine Ermunterung zum Ausstieg aus
der melancholischen "Universalpolemik" (Walter
Benjamin) der Kritischen Theorie. Zehn Jahre
zuvor hatte man bekanntlich schon einmal
den Ausstieg versucht, geistlos und dogmatisch.
Mit
diesem Buch und diesem Autor aber hatte die
glänzende Ironie,
aus bester romantischer Schule, ihren großen
Auftritt.
Erzählt wurde, wie das moderne
Bewusstsein, mit allen Wassern der Kritik
gewaschen, aufgeklärt ist und nun mit
richtigem Bewusstsein weiterhin das Falsche
tut. Ein Buch über den Zynismus
als Grundausstattung moderner Realitätstüchtigkeit,
geschrieben im Stil einer "fröhlichen
Wissenschaft", die auch
bei trüben Sachverhalten das Glück
der Einsicht vermittelt.
Wir sind berüchtigte Anfänger
Schon damals hatte Sloterdijk begonnen, großformatige Weltverhältnisse
zu bedenken in der Form einer Einkehr bei
intimen Selbstverhältnissen.
Auf diesem Weg ist er weitergegangen, und
es gab immer Leute, die sagten: zu weit. Doch unsere Wirklichkeit
ist nun einmal so beschaffen,
dass man zu weit gehen muss, um bei ihr
anzukommen.
Wo kommt
man an, wenn man bei der "Welt" ankommt?
Auf jeden Fall im Nicht-Selbstverständlichen. Der 60.
Geburtstag Peter Sloterdijks legt es nahe, in diesem
Zusammenhang an ein besonderes Thema seiner Arbeiten zu erinnern:
die Geburtlichkeit. Wir werden
in die Welt gesetzt, es ist mit uns ein
Anfang gemacht worden, und die Folge davon ist, dass wir, wie
Hannah Arendt so eindringlich
dargestellt hat, nun selbst einen neuen
Anfang machen können.
Wir
sind notorische Anfänger.
Das ist unsere Chance, aber auch unsere Belastung. In seiner
Frankfurter Poetik-Vorlesung,
die unter dem Thema stand: "Zur
Welt kommen", schreibt
Sloterdijk: "Wer als Deutscher um
die Mitte dieses Jahrhunderts geboren
wurde, der kroch aus seinem Traditionsschoß hervor
wie ein Überlebender aus einem zerbombten
Haus. In einer solchen Situation, wo
man die Wüste erbt, erlangt das
Vermögen,
selber anzufangen, eine unerwartet neue
Bedeutung."
Die
Debatte um den "Menschenpark"
Peter
Sloterdijk ist ein großer Anfänger, ausgestattet
mit existentiellem Eigensinn, einem Überschuss
an gedanklicher Spielfreude und der
glücklichen Bereitschaft, sich
von der Sprache zu Einsichten führen
und verführen zu lassen.
In diesem Sinne ist er auch ein genuiner
Schriftsteller: Er lässt
sich von der Sprache beschenken. Ein
wirklicher Autor weiß,
dass er der Sprache das Meiste verdankt.
Wenn er ihr folgt, folgt sie ihm.
Das
merkt man auch, wenn man ihm zuhört
bei der allmählichen
Verfertigung der Gedanken beim Reden.
Seine Sprache trägt
und treibt, und man wird mitgetragen
und mitgetrieben. Es werden fast
immer Ausfahrten daraus, ganze Seereisen,
bei denen man auch
bisweilen seekrank werden kann.
Auch
hat dieses literarische Philosophieren
zur Folge, dass die Gedanken manchmal
so unablösbar in ihrem einmaligen
Sprachleib stecken, dass es nur unter
erheblichem Evidenzverlust möglich
ist, sie zu reproduzieren. Es gibt
Leute, die darauf mit Ressentiment
reagieren. Sie rächen sich am
Autor, wenn sie ihn in ihrem vergröbernden
Medium nicht packen können.
Umso besser, wenn man ihm dann noch
einen angeblichen politischen Skandal
anhängen
kann, wie vor einigen Jahren bei
der Debatte um seine Elmauer Rede über
den "Menschenpark".
Erwachsen werden, Sphären bilden
Es ist
nun auch wirklich eine reiche Sprache nötig, um jenen
geistigen Kosmos tragen und
beleben zu können, den Peter Sloterdijk
etwa mit seinem Opus Magnum,
der "Sphären"-Trilogie,
geschaffen hat. Sloterdijks "Sphären",
soviel lässt
sich ohne Übertreibung
sagen, ist der bislang bedeutungsvollste
Beitrag der Philosophie zum
Verständnis einer menschlichen
Grunderfahrung, die man bislang
sträflich vernachlässigte,
obwohl sie doch so elementar
ist: dass wir nicht einer Welt
gegenüberstehen,
wie es das traditionelle Subjekt-Objekt-Denken
behauptet, sondern immer schon
in etwas enthalten sind, anfangs
im Mutterleib und
dann in wechselnden Weltinnenräumen.
Der
Mensch ist ein Wesen, das
von innen kommt und deshalb
unvermeidlich seine
späteren Lebensräume
zu Innenräumen ausgestaltet.
Sloterdijk gelingt eine neue
Beschreibung der conditio
humana: wie Erwachsenwerden
bedeutet,
Sphären zu bilden in
erweiterten Kreisen, in Familien,
Bünden,
Beziehungen, Betrieben, Subkulturen,
Nationen.
Auf
dem Weg vom Intimen zum Globalen kommen
auch die
Krisen und Katastrophen
in den
Blick, die geschehen,
wenn beseelte
oder auch
nur eingewöhnte Räume
verlassen werden müssen
ohne Gewissheit, ob man lebbaren
Ersatz in neuen Räumen
finden wird. Das Problem
der Umsiedlung, des Wechsels
der Lebensformate,
ist Sloterdijks großes
Thema und auch von jenen
Dramen ist die Rede, wenn
die Sphären platzen,
wenn sich Einzelne oder Kollektive
in Räumen wiederfinden,
die sich nicht mehr zureichend
mit Sinn erfüllen lassen.
Schreiben hat etwas mit Schenken
zu tun
Nicht
nur der einzelne Mensch baut sich ein Haus, Zivilisationen
insgesamt
sind Hausbauten,
näher hin sind es
Treibhäuser
für die Ermöglichung,
aber auch Vernichtung von
Leben. Sloterdijk "Sphären"-Trilogie
liest sich wie ein großer
philosophischer Roman über
den Gattungs-Hausbau der
Menschheit, über Atmosphären
und die Klimatisierung
sozialer Räume, sowie
die gefährlichen Komplikationen,
die sich dabei ergeben
können.
Sloterdijk
denkt über Räume
nach, sein Denken selbst
aber ist auch geräumig.
Deshalb erfahre ich in
der Freundschaft mit
ihm das Glück der
freien Beweglichkeit.
Man kommt
bei ihm ganz einfach
weit herum und fast überall
hin. Ich bin nach wie
vor auf jedes neue Buch
von
ihm gespannt
und wenn es dann
zur Welt kommt, ist es
immer wie ein
Geschenk.
Dass
sein Schreiben etwas mit Schenken zu
tun hat,
ist ihm
selbst wohl
bewusst. Man
muss
hier, schreibt
er im
ersten
Band der "Sphären",
wenn die theoretische
Entfaltung wirksam
sein soll, das Geschenkpapier
rascheln hören,
in dem etwas Fast-Bekanntes
und auch Fast-Vergessenes
dem Besitzer wie etwas
Neues noch einmal überreicht
wird.
Solche
Geburtstagskinder, die noch lieber schenken
als beschenkt
werden,
muss man
ganz einfach gerne
haben.
Der Autor ist Verfasser bedeutender Biographien, zuletzt erschien
sein "Schiller". Zusammen mit Petzer Sloterdijk moderiert
er seit 2002 die Fernsehsendung "Das philosophische Quartett" im
ZDF. 2006 erhielt Rüdiger Safranski den WELT-Literaturpreis.
Autor: Rüdiger Safranski, 26. Juni 2007,
Zum Original: 
und http://www.welt.de
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