Joseph,
Derrida und Sloterdijk.
Von Lorenz Jäger 
Pharao träumt unruhig, und die einheimischen Experten sind
ratlos. Der Herrscher mag ahnen, dass das Reichsschicksal auf dem
Spiel steht, denn, so glaubte die alte Welt, wenn ein Großer
schon einmal träumt, dann handelt es sich zwingend um Allerbedeutendstes;
nicht um private Belange, sondern um Botschaften der Götter
an die Staatsspitze. Aber was hat es mit den sieben schönen,
fetten Kühen und den sieben hässlichen, mageren auf sich? "Da
es Morgen ward, war sein Geist bekümmert; und er schickte
aus und ließ rufen alle Wahrsager in Ägypten und erzählte
ihnen seine Träume. Aber da war keiner, der sie dem Pharao
deuten konnte" (1. Moses 41, 8). In dieser Situation muss
man auch ungewöhnliche Wege ins Auge fassen. Ein Fremder ist
im Land, er schmachtet im Kerker: Joseph, der junge Hebräer.
Und er löst mit Gottes Hilfe das, wie sich zeigt, wirtschaftspolitische
Rätsel, an dem die Ägypter gescheitert waren.
Ein hübscher Überlegenheitsmythos des auserwählten
Volkes über die Heiden, des einen Gottes über die vielen
Götzen. Denn dies ist der eigentlich faszinierende Teil von
Josephs Traumdeutung: dass sich in ihrer Schilderung ganz nebenbei
der Wachtraum, die Wunschvorstellung des jüdischen Volkes
ausspricht, eines Tages gegenüber allen jetzt noch mächtigen
Großreichen zu obsiegen, ein Tagtraum, den erst die Propheten
dann ganz ausformulierten, etwa in dem messianischen Bild von Jesaia
60: "Fremde werden deine Mauern bauen, und ihre Könige
werden dir dienen."
Peter Sloterdijks neues Buch, ein schöner, von Bewunderung
und Dankbarkeit geprägter Essay über Jacques Derrida
und dessen tatsächliche oder ideelle Zeitgenossen, nimmt das
Verhältnis zwischen Juden und Ägypten als Leitmotiv ("Derrida
ein Ägypter". Über das Problem der jüdischen
Pyramide. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 73 S., br.,
7,- [Euro]). Nicht nur Freuds späte Moses-Studie, sondern
auch Thomas Manns Josephs-Trilogie kommt in den Blick. Sloterdijk
formuliert Josephs Überlegenheit hermeneutisch: "Tatsächlich
könnte ein mittels zweiter Entstellung nach Ägypten eingeschleppter
alerter Heteroägypter die Fähigkeit mitbringen, die Homoägypter
besser zu verstehen, als sie sich selbst verstehen . . . Zu ägyptischen
Erfolgen gelangt der mit leeren Händen Angekommene, wie man
weiß, ausschließlich über den schmalen Grat der
Kunst, die für die Ägypter nichtlesbaren Zeichen zu lesen
- im gegebenen Fall über die Traumdeutung."
Man sollte versuchen, einen Schritt hinter diese sicherlich für
die Heutigen eingängigen zeichentheoretischen und hermeneutischen
Formeln zurückzugehen, und sich die simple Frage stellen:
Ist es denn wahr, oder auch nur wahrscheinlich, dass Josephs Traumkunde
der einheimisch-ägyptischen voraus war? Hat der anmutige Überlegenheitsmythos
einen Grund in der Sache? Schnell bemerkt man, dass die Dinge anders
liegen. Josephs Deutung geht in keinem Moment über das hinaus,
was die Antike sich landauf, landab von der Traumdeutung zu erzählen
wusste. Herodots Geschichte des persischen Großkönigs
Kyros ist das bekannteste Beispiel. Astyages, ein medischer König,
war mit der Tochter des lydischen Königs Alyattes verheiratet.
Die gemeinsame Tochter war Mandane. Astyages nun träumte,
Mandane lasse so viel Wasser, dass seine Hauptstadt Ekbatana davon überflutet
wurde. Mandane wird vorsorglich an Kambyses verheiratet, einen
bloßen Vasallen. Dieser Ehe entstammt der später große
König Kyros. Und Astyages träumt erneut: Mandanes Schoß entwachse
ein Weinstock, der einmal ganz Asien überschatten werde. Das
Kind - denn auf dieses beziehen sich die beiden Träume - soll
erst getötet, dann ausgesetzt werden, überlebt aber und
begründet die neue Hegemonialmacht. Träume dieser hochpolitischen
Natur, Königsträume, bedurften also keineswegs zwingend
des hinzutretenden Fremden, um verstanden zu werden.
Die neuere Version des xenophilen Mythos findet sich in Georg Simmels
Exkurs über den "Fremden" in der Soziologie des
großen Denkers, und auf diese Darstellung dürfte Sloterdijks
These von Josephs "hermeneutischer Überlegenheit" zurückgehen.
Simmel sprach von der "Objektivität" des Fremden
gegenüber den Autochthonen: "Weil er nicht von der Wurzel
her für die singulären Bestandteile oder die einseitigen
Tendenzen der Gruppe festgelegt ist, steht er allen diesen mit
der besonderen Attitüde des ,Objektiven' gegenüber, die
nicht etwa einen bloßen Abstand und Unbeteiligtheit bedeutet,
sondern ein besonderes Gebilde aus Ferne und Nähe, Gleichgültigkeit
und Engagiertheit ist."
Man könne, so schreibt Simmel, "Objektivität auch
als Freiheit bezeichnen. Der objektive Mensch ist durch keinerlei
Festgelegtheiten gebunden, die ihm seine Aufnahme, sein Verständnis,
seine Abwägung des Gegebenen präjudizieren könnten." Zweifellos
eine Idealisierung der Rolle des Fremden: Denn dieser kann natürlich
ebenso gut, ebenso wahrscheinlich die lokalen Verhältnisse
in ihrer gleichsam ökologischen, aufeinander eingestimmten,
kontextuellen Natur kognitiv verfehlen. Das für ihn Ungewöhnliche
mag dem Fremden als das schlechthin Sinnwidrige erscheinen, als
Ausgeburt des Vorurteils - hier gibt es ebenso viele Möglichkeiten
des Ver- wie des Erkennens. Sloterdijks metaphysischer Josephs-Philosemitismus
und seine soziologische Xenophilie sind historisch naiv.
Rezensent: Lorenz Jäger
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.07.2007, Nr. 162 / Seite
37
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