Derridas
Urschrift,
Von Manfred Osten
»
Wir lernen nur aus den Büchern, die wir nicht verstehen.« Eine
Einsicht Goethes, die sich aufdrängt bei der Lektüre
einer Äußerung Derridas in der Rede Peter Sloterdijks
zum ersten Todestag Derridas 2005 in Paris. Denn Sloterdijk
gelingt hier das Kunststück, dem Leser zu einem Lernprozess
zu verhelfen, um einen nicht leicht zugänglichen Philosophen
zu verstehen, der nach Freud, de Saussure, Wittgenstein und
Heidegger die Grenzen der Sprach- und Schriftphilosophie
erkundet hat. Gemeint ist ein auf den ersten Blick schwer
verständliches Bekenntnis Derridas kurz vor seinem Ableben:
seine Gewissheit, völlig vergessen zu werden, und seine Überzeugung,
das kulturelle Gedächtnis werde doch etwas von seinem
Werk aufbewahren.
Sloterdijk entdeckt in dem Bekenntnis eine Art »Urschrift« Derridas.
Und zwar im Sinne eines Beharrens auf Mehrdeutigkeit, aus
Sorge, auf eine bestimmte Identität festgelegt zu werden.
Eine Entdeckung, die er nutzt, um aufzubrechen zu einem distanzierten
Urteil über Derridas singuläre Stellung zu Denkern
und Autoren der jüngeren Tradition. Das Ergebnis sind
interdisziplinär faszinierende »Vignetten«,
in denen Derrida in Beziehung gesetzt wird zu Luhmann, Freud,
Thomas Mann, Borkenau, Debray, Hegel und Groys. Um hierbei
der Frage nachzugehen, ob Derridas Philosophieren – als
dekonstruktives Infragestellen der abendländischen Metaphysik
seit Platon – nicht in Wahrheit selber Metaphysisches
wollte: die Herstellung einer »undekonstruierbaren Überlebensmaschine«!
Eine Fragestellung, die es Sloterdijk erlaubt, unter Hinweis
auf Freuds Formulierung »Moses, ein Ägypter« Derridas
eigene jüdische Herkunft in Relation zu setzen mit dem Überleben
des radikalsten Ägyptizismus im Judentum: in Gestalt
des von Echnaton eingeführten und von Moses aus Ägypten
exportierten Monotheismus. Derrida also ein Ägypter
im Sinne einer Pharao-Unsterblichkeit seines Lebenswerks?
Sloterdijk erwägt, dass man ihn zumindest als jüdischen »Hetero-Ägypter« betrachten
könnte – etwa im Geiste des unsterblichen Pharao-Traumdeuters
Joseph in der Romantetralogie Thomas Manns.
Es ist Sloterdijks Verdienst, dass er mit dieser belebenden
Grabrede einführt in die Ambivalenzen im Denken eines
der wirkmächtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts,
der seine Methode der Dekonstruktion der Buchstaben verstanden
hat als »ein Verfahren zur Verteidigung der Intelligenz
gegen die Folgen der Vereinseitigung«.
Peter Sloterdijk: Derrida, ein Ägypter
Suhrkamp Verlag, 2007; 42 S., 7 €
Zum Original:

und http://www.zeit.de/2007/34/S-Sloterdijk
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