Pferdehaare über dem Katzennapf,
Von Manuel Gogos
Der Suhrkamp Verlag versucht mit Michael von
Brück,
Peter Sloterdijk und
Giorgio Agamben eine Vermessung der
Weltreligionen.
Es ist wahrhaftig eine verlegerische Großtat, die Suhrkamp
unter dem Namen „Verlag der Weltreligionen“ in
Angriff genommen hat. Ein aufwendig gestalteter Almanach stellt
den Editionsplan
der nächsten Jahre detailliert vor. Erscheinen sollen Quellenwerke
zum brahmanischen Ritual, zur Gewaltlosigkeit der Jainas, zur buddhistischen
Praxis der Achtsamkeit, zur Politik des Shintoismus, zur Ethik
des Konfuzianismus und zur Mystik des Daoismus; alles von Fachleuten
neu übersetzt und auf der Höhe der Forschung umfassend
kommentiert. Geplant sind jährlich etwa zehn Bände, von
denen die ersten nun vorliegen. Dazu kommen Einführungsbände,
Essays und Monografien, die mit ihren hundert Seiten lesbar und
erschwinglich sein sollen.
Das Projekt, durch die Hamburger Udo-Keller-Stiftung gefördert,
wird vom Verlagsleiter Hans-Joachim Simm in Zusammenarbeit mit
einem wissenschaftlichen Dreamteam realisiert: dem Ägyptologen
Jan Assmann, dem Soziologen Ulrich Beck, dem Theologen Klaus
Berger,
der Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth und dem Religionswissenschaftler
Michael von Brück. Das Fundament des Ganzen findet man vor
allem im dynamischen Begriff des cultural turn. In der
Definition, die Beck in seinem Essay zur „Individualisierung
der Religion“ gibt: „Heute
kommt es darauf an, Kultur – entgegen den Reinheitsfantasien
westlicher wie östlicher Ideologien – als eine ursprünglich,
d. h. verflochtene Sache kenntlich zu machen.“ Folgerichtig
will man sich auf bisher unterbelichtete Austauschprozesse konzentrieren.
Ein gutes Beispiel für diese Arbeitsweise ist die „Einführung
in den Buddhismus“ von Michael von Brück. Er liest den
Buddhismus interdisziplinär aus seinen Heiligen Schriften
in Sanskrit oder Tibetisch, aber auch aus seiner Kunstgeschichte,
seinen Lebenswirklichkeiten von Indien bis Sri Lanka, China und
Japan heraus. Von Brück begegnet seinem Forschungsgegenstand
mit großer hermeneutischer Offenheit, die es auch möglich
macht, die „Buddhismen“, wie man bei der topografischen,
religionshistorischen und -praktischen Vielgestaltigkeit des Phänomens
konsequenterweise sagen müsste, in ihrer ganzen Faszinationskraft
begreiflich zu machen.
Besonders interessant erscheinen seine Ausführungen zu dem
globalen Experiment, den Buddhismus im Westen zu verwurzeln. Die
Transfers laufen über die ersten Anleihen Schopenhauers, der
seinen philosophischen Pessimismus unter Anrufung von Gautama Buddha
formulierte. Andererseits verfolgt von Brück die transkontinentalen
Einflüsse bis zum ersten Kongress der Weltreligionen von Chicago
im Jahre 1893 und die ersten Lektüren buddhistischer Texte
bei den amerikanischen Transzendentalisten zurück. Mit den
Auswirkungen Daisetz Teitaro Suzukis auf die Beat Generation und
interkonfessionelle Projekte wie dasjenige des Jesuitenpaters Lassalle,
der Zen als Praxis in Mitteleuropa etablierte, führt seine
Spurensuche unmittelbar in die Gegenwart.
Außerdem hat von Brück dem Verlag eine neue kommentierte
Ausgabe der berühmten Bhagavad Gita besorgt. Frappant, dass
sie keineswegs immer das unbestrittene panindische Glaubensbekenntnis
gewesen ist. Erst die in Europa erzogenen Neo-Hinduisten wie Aurobindo
oder Ghandi haben das Buch zum hinduistischen Evangelium für
die Welt ausgerufen. Diese Traditionslinie endet vorerst in zahllosen
indischen Tele-Novelas und Comic-Heften, in denen die religiöse
Matrix Indiens sich heute entfaltet, während sich die Schrift – von
Hippies zärtlich die „Gita“ genannt – bis
tief in die US-amerikanische Gegenbewegung der sechziger Jahre
hinein auswirkte.
Beachtlich ist die Tragweite dieser globalen Kulturtransfers, denen
wir heute beiwohnen, und die sich laut von Brück nur mit den
großen Inkulturationsleistungen der Mönche vergleichen
lassen, die den Buddhismus vor über tausend Jahren aus seinem
Ursprungsland Indien ausführten und mit chinesischen und tibetischen
Kulturen amalgamierten. Ähnlich transformiert sich unsere
christlich-postsäkulare Weltanschauung heute unter dem Eindruck
hinduistischer Weisheitslehren – etwa was die Reinkarnationslehre
betrifft, die auf dem besten Wege ist, zur mehrheitlichen Jenseitsvorstellung
zu avancieren. Gleichzeitig wird auch der Buddhismus unter den
Konditionen eines „westlichen“, stark individualisierten
Menschenbildes neu konturiert.
Dabei sollte man nicht meinen, der Verlag gehe mit einem Weichzeichner
an das Phänomen Religion heran. Dafür bürgen Titel
wie „Gotteseifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“ von
Peter Sloterdijk. Sloterdijk zeichnet darin Frontverläufe
und Konfliktpotenziale der abrahamitischen Offenbarungsreligionen
nach, die sich nicht zuletzt aus ihrem exklusiven Heils- und Wahrheitsanspruch
heraus ergeben. Sich abstoßend von dem eruptiv-pathetischen
Derrida-Diktum „Der Krieg um die Aneignung von Jerusalem
ist heute der Weltkrieg“ und der gängigen These vom
clash of monotheisms beschreibt Sloterdijk ihre „Aufstellung“,
ihre „Fronten“, ihre „Feldzüge“.
Der philosophische Diagnostiker nähert sich dem Untersuchungsgegenstand
bewusst mit den Mitteln „wissenschaftlicher Verfremdung“.
Dabei bezieht er sich im Habitus eines Psychiaters gegenüber
dem Patienten auf die Psychopathologie der Offenbarungsreligionen,
versteht sich als Phänomenologe der großen Stressreaktionen
dieser „Eiferkollektive“, ohne sich im eigentlichen
Sinne um die Inhalte ihrer „endogenen Offenbarungserlebnisse“ zu
kümmern. Freilich kann man das Damaskus-Erlebnis des Paulus
heute kaum mehr ohne die Erkenntnisse der Hirnforschung begreifen.
Ihn und andere Propheten-Enthusiasten aber als epileptisch Schäumende
und metaphysische Amokläufer zu denunzieren, scheint doch
stark und schwach zugleich. Sloterdijk hat ein skeptisches, klassisch
religionskritisches Werk geschrieben. Dabei wirkt seine Transzendenzkritik,
die aus den (Selbst-)Artikulationen des Numinosen nichts anderes
mehr als eine Neurosesemantik heraushören kann, manchmal wie
ein Ballett ohne Musik. Man fühlt sich an eine Aussage des
amerikanischen Religionspsychologen William James erinnert: „Ein
Streich-Quartett von Beethoven ist wirklich ein Kratzen von Pferdehaaren über
einen Katzennapf, und mag in solcher Begrifflichkeit beschrieben
werden. Erschöpfend ist eine solche Beschreibung nicht.“
Worin sich Patienten und Psychiater jedenfalls einig sind: „Nur
wer sich mit dem religiösen Paradigma auseinandersetzt, erhält
wirklich Zugang zur gegenwärtigen Situation“, zitieren
die Verleger der Weltreligionen Giorgio Agamben, der mit „Die
Beamten des Himmels. Über Engel“ ebenfalls mit einem
eigenen Buch im Verlagsprogramm vertreten ist. Darin untersucht
er den Aufbau und die Legitimationsverfahren der „Hierarchien“,
deren irdische Variante (Typus: Beamter) nach Agambens Lesart nichts
anderes ist als eine Widerspiegelung der himmlischen Variante (Archetypus:
Engel). Das Buch ist, angesichts von Agambens einflussreichen herrschaftskritischen
Diskursbeiträgen wenig erstaunlich, religionskritisch, und
das bis hin zum Ressentiment.
Aber anscheinend brauchen wir diesen Exorzismus wieder: Die Rückkehr
des Heiligen ruft auch die Inquisitoren der Aufklärung wieder
auf den Plan. Gleichzeitig kommt der Verlag der Weltreligionen
aber auch den Anhängern einer global flottierenden Religiosität
entgegen, denen es zuvörderst darum geht, in einer konsumorientierten
Gesellschaft die Sinnsuche wieder anzustiften. In eben dieses Feld
aus ironischer Dekonstruktion und postironischer Affirmation will,
so scheint es, der Verlag der Weltreligionen vorstoßen, um
in einer postsäkularen Gesellschaft das „Rad der Aufklärung“ weiterzudrehen.
Michael von Brück: Einführung in den Buddhismus. Suhrkamp
Verlag, Frankfurt a. M. 2007. 601 Seiten, 24,80 €. amazon 
Michael von Brück (Hg.): Bhagavad Gita. Suhrkamp
Verlag, Frankfurt a. M. 2007. 457 Seiten, 30 €. amazon 
Peter Sloterdijk: Gotteseifer. Vom Kampf der drei Monotheismen. Suhrkamp
Verlag, Frankfurt a. M. 2007. 218 Seiten, 17,80 €. amazon 
Giorgio Agamben: Die Beamten des Himmels. Über Engel. Aus
dem Italienischen übersetzt und herausgegeben von Andreas
Hiepko, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007. 153 Seiten, 15,80 €.
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(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 10.10.2007)
Zum Original:

Link: http://www.tagesspiegel.de/kultur/Rezensionen-Suhrkamp-Verlag;art15919,2396653
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