Mutter
der Intoleranz - Peter Sloterdijk baut auf eine Zivilisierung der Religionen
von
Hans-Jürgen Heinrichs
Solange Religionen nur bis Eins zählen wollen, existiert für
sie lediglich ein "Für uns oder Gegen uns". Gibt
es noch eine Chance, die Schätze der Religionen und unser
Wissen von deren geistigem Reichtum in "lebendige Kapitale" umzuwandeln,
die sich in die unterschiedlichsten Kulturen investieren lassen?
An der Kulturwissenschaft sei es, so Peter Sloterdijks Appell in
seinem neuen Buch, die Voraussetzungen dafür zu erörtern
und zu zeigen, warum allein der "zivilisatorische Weg" weiterführt.
Dies heißt, dass die zu "Eiferkollektiven" verzerrten
Religionen von ihrem affektiv aufgeladenen Alleinvertretungsanspruch
abrücken und Parteien einer Zivilgesellschaft werden müssten.
Damit würde das Ideal friedlicher Koexistenz zum Gespräch
erweitert werden. Es bleibt aber die Frage, wie weitgehend dies
mit den Ansprüchen eines universalen Verkündigungsgehalts
und, im Fall des Islams, eines militärisch-politischen Expansionsmodus,
eines "Heiligen Kriegs", vereinbar ist.
Sloterdijk breitet in seiner Studie "Gottes Eifer" umfangreichen
Stoff aus, um zu beweisen: Den jüdischen, christlichen und
islamischen Monotheismen ist, mit unterschiedlichen Gewichtungen,
ein messianisches und aktivistisches Material eigen. Dessen Explosionskraft
reicht weit über die Lehren der Religionen im engeren Sinn
hinaus. Dieses Exzesshafte, der Antriebsüberschuss und die Überreaktion
verweisen auf eine immense Triebdynamik. Sie agiert die Anrufung
Gottes auf eine schwer kontrollierbare Weise aus.
Religionen stellen in ihrer Nähe zum Eifer und ihrem tendenziell
universalistischen Anspruch erst einmal, und dies ist wichtig festzuhalten,
einen verhältnismäßig überschaubaren Gegenstand
dar. Gefährlich werden die extremistischen destruktiven und
selbstdestruktiven Ideologien und Aktionen. Sie machen die Kontrolle
und Dämpfung zum Problem. Die von Sloterdijk klar formulierte,
schwer lösbare Aufgabe würde darin bestehen, den Affekt
und den religiösen Code zu entkoppeln.
Das Konfliktpotenzial im Kampf der drei Monotheismen erklärt
sich zu einem großen Teil daraus, dass sie aus jeweils älteren
Quellen hervorgegangen sind. Dem Islam kommt dabei seine "Spätankunft" zugute.
Dies ist, so Sloterdijk, seine wertvollste spirituelle Chance,
da er für sich den Vorzug in Anspruch nimmt, "die vermeintlichen
und wirklichen Irrwege der beiden Vorgängermonotheismen zu überblicken
und zu korrigieren". So wird aus der Not des Nicht-Originären
eine Tugend. Die islamische Offenbarung nimmt ihren Ausgang beim
Widerruf der jüdischen und christlichen Lehren, beim Falschlesen,
bei der Fehllektüre heiliger Texte.
Wie die monotheistischen Vorgänger war auch der Islam - und
hier setzt Sloterdijks Deutung religiöser Haltungen mithilfe
des Begriffs Stress an - "auf die Schaffung eines maximalen
Stressmythos" angewiesen. Dieser bestand in der Erfindung
eines mühevollen Unternehmens, der Wallfahrt nach Mekka, die
für die Gläubigen zur Pflicht erklärt wurde. Der
Pilger nimmt teil an der Steinigung des Teufels und der Schlachtung
eines Opfertiers: eine alle Teilnehmer emotional tief ins Ritual
verstrickende Handlung; und zwar so weitgehend, dass sie vom
Ritus oder Kult beherrscht werden.
Im Westen ist heute nur noch den Wenigsten die Erfolgsgeschichte
des Islams bis ins 15. Jahrhundert hinein bekannt; ebenso wenig
die dramatische Umkehrung des siegreichen Feldzugs in eine "Kränkungsgeschichte
ohne Ende". Diese historische und psychologische Dimension
steht denn auch in Sloterdijks Studie im Zentrum des Kapitels über "Die
Feldzüge".
In enger Anbindung an den in "Zorn und Zeit" entfalteten
Begriff der thymotischen Energien (der Affekte Zorn, Wut und Stolz)
ist jetzt von einer "hochgradig thymotisch geprägten
Kultur der islamischen Länder", auf denen der "Schleier
des Zorns" liegt, die Rede. Dieser Schleier ist von widersprüchlichen
Affekten durchwoben. Einmal konkurriert die seit dem Aufstieg Europas
erlebte Zurücksetzung mit dem Verlangen nach Vorrang und einem
glanzvollen Erscheinungsbild. Zum anderen steht dem Stolz auf die ökonomische,
wissenschaftliche und künstlerische Vormachtstellung oder
doch Gleichstellung in der Vergangenheit die Scham über die
gegenwärtigen Verhältnisse gegenüber. Der gesellschaftliche
Aufstieg des Islam in der Gegenwart wäre ohne neuere Entwicklungen,
die nur zum Teil etwas mit der islamischen Religion zu tun haben,
chancenlos geblieben: Erst der ökonomisch-technische Aspekt
der Ölreserven und die biopolitische Tatsache einer beispiellosen
Vermehrungsdynamik (der sogenannte "Jungmännerüberschuss")
ermöglichte "die Wiederaufnahme offensiv universalistischer
Programme".
In unserer westlichen, von der Gewaltdominierten Form des Islam
bestimmten Wahrnehmung gibt es eine eindeutige Wertung gegenüber
den drei Monotheismen und ihrem Expansionswahn. Die größte
Angst erwecken in uns die extrem aggressive "Weltnahme" der
islamischen "Frontreligion" und die von den Gläubigen
geforderten Unterwerfungsrituale. Dies kommt bereits in dem Wort "Moschee" (Ort
des Sichniederwerfens), zum Ausdruck. Die Drohung mit dem Jüngsten
Gericht geben dabei der Lehre ihre offensive Dynamik und den
Ton der Unausweichlichkeit: Wahr ist die Instanz, die befugt
ist, die
allgemeine Unterwerfung als Gebot auszugeben; und zum Leben berechtigt
ist nur, wer diesem Gebot folgt.
Die Verquickung dieser beiden radikalen Perspektiven verleiht
der eifernden Aktivität ihre Unerbittlichkeit. Sloterdijk betont,
dass an diesem Punkt die seelisch stabilisierende und sozial integrative
Funktion, die die Religion auf den Gläubigen ausübt,
an unkontrollierbare Effekte gebunden ist. Zugleich sieht er aber
das monotheistische Eifern nicht ursächlich durch emotionale
Gesetzmäßigkeiten determiniert. Vielmehr geht er von
einem als heilig festgeschriebenen Programm aus, das jeder zusätzlichen
psychischen Aufladung zugrunde liegt. Die glaubenseifrige Aktivität
leitet sich von einer solchen Matrix ab: Die darin festgelegte
oberste Instanz fördert von sich aus die "Steigerung
des Dienstes zum Extremdienst".
Unabhängig von den vielfältigen Formen der dienenden
Unterordnung einer höchsten Macht und damit einer Vereinigung
mit dem Einzigen, stellen solche "Verwirklichungen" Auslöschungen
des Einzelnen dar, wenn er "im Dienst" ist. Das Eiferertum,
so kann es Sloterdijk auf eine griffige Formel bringen, "hat
seinen logischen Ursprung im Herunterzählen auf die Eins,
die nichts und niemanden neben sich duldet. Diese Eins ist die
Mutter der Intoleranz. Sie fordert das radikale Entweder, bei dem
das Oder gestrichen ist." Hier erweist sich Sloterdijks gleichzeitiger
Blick auf die Aktivitäten der Eiferer und auf den als heiligen
Text festgeschriebenen Eifer als besonders fruchtbar.
Die Monotheismen ziehen, so sein Fazit, ihr energetisches Potenzial
aus dem Glauben an eine einwertige Ursprache, eine dem Dasein
und der göttlichen Ordnung eigene erste Struktur. Dieser Urtext
ist noch nicht von zweiwertiger Rede (Negationen, Widersprüche,
Irrtumsanfälligkeit) getrübt. Die Selbstauflösung
der eifernden Gläubigen in den drei monotheistischen Religionen
findet im Medium der heiligen Texte statt. Sloterdijks sich daran
anschließende zentrale Frage lautet: Gibt es Anzeichen für
die begründete Hoffnung auf einen zivilisatorischen Weg der
Religionen, auf die Anerkennung eines mehrwertigen Denkens? Sloterdijk
führt unter anderem das Beispiel an, dass man jüngst
die umstrittenen Rachepsalmen aus dem Stundengebet der römischen
Kirche eliminiert hat. Er schließt daran die Erwartung an,
dass auch die Muslime die düsteren Stellen des Korans überdenken.
Der zivilisatorische Weg läutet die Zeit des Nach-Eifers ein.
Dazu müssten aber die Eiferer die apokalyptischen und weltmörderischen
ebenso wie die persönlichen Selbstmord-Fantasien aufgeben
und an einer gestaltbaren Welt teilhaben wollen. Eine der Voraussetzungen
dafür wäre, dass der Zorn auf die sozialen Verhältnisse
inmitten der Gesellschaft eine Plattform fände. Dann würden
sich der Zorn, die Kränkung und der verletzte Stolz nicht
weiter stauen und sich nicht länger einen Ausdruck im religiösen,
politisch instrumentalisierten Wahn suchen müssen.
Nun steht uns heute einerseits das Trennende der Religionen und
ihr von der Politik gewalttätig aufgeladener Kampf gegeneinander
deutlich vor Augen; andererseits haben mehr denn je viele Menschen
den Wunsch, die unterschiedlichsten religiösen Weisheiten
und Techniken kennenzulernen und gleichzeitig zu praktizieren.
Das Überangebot an religiösen und spirituellen Werken
vermittelt dabei den Eindruck, als gründeten Religiosität
und Spiritualität auf philologischer Abarbeitung an Büchern.
Der Rahmen, eine "Bibliothek der Weltreligionen", in
dem Sloterdijks Arbeit erschienen ist, mag zu dem Stil, in dem
sie verfasst ist, mit beigetragen haben.
"
Gottes Eifer" ist stärker als jedes seiner bisherigen
Bücher von einem Ton der Gelehrsamkeit geprägt. In vielerlei
Hinsicht bilden nun die drei letzten Studien "Derrida ein Ägypter", "Zorn
und Zeit" und "Gottes Eifer" eine Trilogie. Sie
führen psychologische, gesellschaftstheoretische und kulturwissenschaftliche
Perspektiven, angesichts der im Eifern verzerrten Religionen,
zusammen. Ferner rufen sie dazu auf, den zivilisatorischen Weg
als letzte
Option zu erkennen und umzusetzen.
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Die Welt vom 14.10.2007
Zum Original
Link: http://www.welt.de/welt_print/article1261802/Mutter_der_Intoleranz.html
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