Laudatio auf Peter Sloterdijk zur Verleihung des Cicero-Rednerpreises, Bonn, 17.07.2008

von Prof. Dr. Gert Ueding

Die Gedanken zum Tanzen bringen

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Sloterdijk,

Platon erzählt in einem seiner Dialoge, und zwar ausgerechnet im „Theaitetos“, der in den Kontext seiner politischen Philosophie gehört, eine kleine Anekdote, deren Grundstock er den in Athen höchst populären Fabeln des Äsop entnommen hat. „Als Thales aus Milet (der als Begründer der Philosophie gilt) die Sterne beobachtete (denn er war für seine astronomischen Studien bekannt) und dabei nach oben zum Himmel blickte, stolperte er und fiel in einen Brunnen.“ Eine „witzige und geistreiche Magd aus Thrakien“ soll das Missgeschick gesehen und Thales mit den Worten verspottet haben: „Er wolle wissen, was am Himmel sei, aber es bleibe ihm verborgen, was direkt vor ihm und zu seinen Füßen liege“. Sokrates liefert auch gleich eine Nutzanwendung der Geschichte: „Der gleiche Spott“, so sagt er mit gleichsam erhobenem Zeigefinger, „der gleiche Spott trifft alle, die in der Philosophie leben. Denn in Wahrheit bleibt einem solchen, der Nächste und der Nachbar verborgen … Wenn er vor Gericht oder irgendwo anders über das reden muss, was zu seinen Füßen oder vor Augen liegt, ruft er Gelächter hervor … seine Ungeschicklichkeit ist entsetzlich und erweckt den Anschein von Einfältigkeit.“

Aber nur den Anschein, betont Sokrates also und fügt hinzu: „Was aber der Mensch ist, und was zu tun und zu erleiden einem solchen Wesen im Unterschied von den anderen zukommt, danach sucht er und das zu erforschen müht er sich.“ Der Philosoph, heißt das, erforscht das Wesen der Dinge und die wesentlichen Bestimmungen des Menschen und das erscheine diesem, der in den Anforderungen des alltäglichen Lebens befangen ist, als lächerlich, ja als verrückt.

Die Anekdote hat in der Philosophiegeschichte Karriere gemacht, der große Hans Blumenberg ihr sogar eine eigene Monographie gewidmet. Darin notiert er auch eine Variante, von der man sich wundert, dass sie nicht schon von den Zeitgenossen Platons, vor allem seinen Gegnern und Konkurrenten: und das waren die Rhetoren, die Lehrer einer praktischen Weisheit, gegen ihren akademischen Widersacher ins Feld des philosophischen Streits geführt worden ist. Sie findet sich in Montaignes „Essais“: „Ich bin ganz einverstanden mit der milesischen Magd, die den Philosophen Thales dabei beobachtete, wie er, unablässig mit der Betrachtung des Himmels beschäftigt, die Augen nur nach oben gerichtet hatte, und ihm schließlich irgend etwas in den Weg warf, um ihn zum Stolpern zu bringen und dadurch daran zu erinnern, es sei noch Zeit, seine Gedanken mit den Gegenständen in den Wolken zu befassen, wenn er erst über das Bescheid wisse, was vor seinen Füßen liegt. Es war ein guter Rat, den sie ihm gab, mehr auf sich selbst die Aufmerksamkeit zu richten als auf den Himmel.“

Warum, meine Damen und Herren, erzähle ich diese alten Geschichten: im Jahre 2008, heute, da wir uns versammelt haben, einen Philosophen unserer Tage zu ehren, der nun zu allerletzt in den Verdacht geraten kann, ein philosophischer „Hans-guck-in-die-Luft“ zu sein (um noch eine, uns allen geläufige Variation der antiken Fabel anzusprechen)? Gerade deshalb aber tue ich es, weil sie so schön anschaulich eine Tradition beleuchtet, von der sich Sloterdijk höchst vorteilhaft abhebt: dies freilich auf eine vertrackte Weise. Denn wenn man die Hauptabsicht seines Philosophierens auf einen metaphorischen Nenner bringen will, so besteht sie gerade darin, seinen Zeitgenossen, also uns, die wir in der Regel als Nachkommen der thrakischen Magd überlebt haben, nun seinerseits soviel Steine des Anstoßes in den Weg zu legen, dass wir ständig ins Stolpern geraten. Das beginnt mit dem großen zweibändigen Essay von 1983, der „Kritik der zynischen Vernunft“, in der uns gnadenlos die Errungenschaften unseres scheinbar so aufgeklärten Bewusstseins in eine zynische Grimmasse verzerrt, in der sich Machtprofit, Moralprofit oder Sexprofit malen. Und es endet noch lange nicht mit den „Regeln für den Menschenpark“, jener Aufsehen erregenden und sogleich skandalisierten Rede, die das Ende des Humanismus ohne Beschönigungsversuche ausspricht, aber vor seinen Gefahren nicht die Augen verschließt.

Diese Laudatio, meine Damen und Herren, will nun keine Sloterdijk-Expertise sein, denn ich bin kein Sloterdijk-Experte, keiner dessen Absicht es war oder ist, möglichst alles von ihm gelesen und durchdacht zu haben oder über seine Lebensverhältnisse möglichst umfassend informiert zu sein – ich glaube auch, ein solcher, gleichsam enzyklopädischer Ansatz widerspricht einem Denken, dem jedes System verdächtig, ja verhasst ist. Mein Zugang zu seinem Werk hatte einen anderen Charakter und ich empfehle ihn ausdrücklich: Er öffnete sich „auf dem Wege der Absichtslosigkeit“, um es mit einem Wort Ernst Blochs zu sagen; eher liebhaberhaft also und von einer Seite her, die für unseren heutigen Anlass freilich von besonderem Vorteil ist: von dem der Philosophie als Rede, der Rede als Philosophie. Wir begegnen hier einer Allianz, die zuzeiten bis zur Identität ging und selbst bei einem Philosophen zum Ereignis wurde, den man gemeinhin als schärfsten Gegner der Redekunst kennt: bei Platon also, der sich seinen Lehrer Sokrates zum Protagonisten wählte. Einen Philosophen, der nun gar nicht bloß sternenkundig war und dessen Gedanken sich auch nicht ständig im fernen Ideenhimmel bewegten. Im Gegenteil haben wir in ihm einen Mann vor uns, der am alltäglichen Leben der Athener aktiv und voll Interesse Anteil nahm. Also zum Beispiel sich mit einem Hufschmied darüber unterhielt, wie man am besten Pferde beschlägt und wie unwillig die Lehrlinge heutzutage doch sind. Oder, ein anderes Beispiel, ein Mädchen, das auf den Strich ging, darüber beriet, wie sie mehr Männer bekommen und besser verdienen könne.

Gewiss, den Platonischen Sokrates treffen wir seltener als den historischen in der pragmatischen Realität der Straßen und Plätze, aber auch ihn bewegen die alltäglichen Sorgen seiner Gesprächspartner, ihr Wohlergehen und was sie gerade so treiben. Schließlich war er nicht nur der Lehrer Platons, sondern auch der Vater der Kyniker, jener plebeischen Philosophenschule, die gar keine Schule war, sondern aus lauter Individualisten bestand. Unabhängigkeit war ihr Lebens- und Denkideal, von staatlicher Macht ließen sie sich ebenso wenig einschüchtern wie von den geistigen Repräsentanten der jeweils herrschenden Ideologie. „Geh mir aus der Sonne“ hat bekanntlich einer ihrer namhaften Vertreter geraunzt, als ihm der große Alexander einen Wunsch freistellte. (Der übrigens daraufhin nicht etwa beleidigt war, wie es die Pseudo-Größen unserer Welt unweigerlich gewesen wären, sondern wahrhaft königlich antwortete: ‚Wenn ich nicht Alexander wäre, möchte ich Diogenes sein’.)
Womit wir ganz nebenbei wieder bei unserem Preisträger angelangt wären, der auf seine Weise das Unabgegoltene, das Erbe jener Kyniker angetreten hat: ihren rebellischen Geist, ihren Mut zur Paradoxie, zur Konsequenz und Unabhängigkeit finden wir bei ihm wieder, und sein Plädoyer für ein „Dasein im Widerstand“, um uns als „vollvernünftig-lebendige Wesen zu erhalten“ nimmt das zentrale Lebens- und Denkmotiv der Kyniker auf.

Er hat dafür viel Widerspruch aus der philosophischen Zunft erfahren, doch darauf hatte er es ja auch abgesehen. „Auf dem Grund meiner Antriebe“, hat Sloterdijk bekannt, „finde ich eine kindliche Verehrung für das, was in einem griechischen Sinn Philosophie hieß“, sogar von „Ehrfurcht“ spricht er und sie mag auch einen so undogmatischen, zwischen den philosophischen Stühlen platzierten Kollegen miteinschließen, wie es Protagoras war, dem Platon, solange jener lebte, den Respekt nicht versagte und den er nach dessen Tod umso hämischer traktierte. Jener Protagoras hat sich als Philosoph und Rhetor in einer Person verstanden und wenn aus seinem reichen Werk nicht viel auf uns gekommen ist, so reicht es doch, um die Größe dieses Verlusts hinreichend zu ermessen. Der Homo-mensura-Satz, der in einem emphatischen Sinn den Menschen, nicht mehr die Götter oder das Schicksal zum Maß der Dinge machte, ist uns vertraut bis heute – er steht am Beginn aller Aufklärung und aller humanistischen Praxis in Europa.

Weit weniger populär geworden sind seine Denkmaximen, dass es nämlich zu jeder Rede eine Gegenrede gebe, keine Meinung, kein Glaube einen Alleinvertretungsanspruch habe. Und dass es Aufgabe des Redners sei, die schwächere Seite zur Stärkeren zu machen. Die Philosophen, besessen von ihrer Idee einer absoluten Wahrheit und oftmals sich im Besitz derselben meinend, haben kein gutes Haar an dieser Losung gelassen. Ausnahmen gibt es natürlich. Zu ihnen zählt Nietzsche, einer der vornehmsten Heiligen in Sloterdijks philosophischem Kalender, und natürlich er selber. Seine militante Parteinahme für den subjektiven Faktor, der in unserer Welt immer mehr ins Hintertreffen gerät, den die Gesellschaft, das unentrinnbare Kollektiv längst in Geiselhaft genommen hat, sein Pochen auf den konkreten Lebensvollzug in seiner Besonderheit, ja Einmaligkeit, der Gedanke der Befreiung vom Absoluten und seinen unbeherrschten Geltungsansprüchen – das sind alles Reden für die schwächere Sache, um sie zur stärkeren zu machen und nicht allein in der Methode, auch in ihrem Inhalt weisen die Spuren zurück zu den griechischen Rhetor-Philosophen, von denen Protagoras einer der größten war.

Sloterdijk hat dem Programm einen Namen gegeben: er nennt es „Selbstaneignung“ und es geht aller „Welterzeugung“ voraus: „Das Anfangen“, so hat er es in seinen Frankfurter Vorlesungen formuliert, „das Anfangen, um das es in den Welterzeugungsinitiativen geht, meint in erster Linie ein resolutes Anfangen mit sich selbst. Nur wo ein Anfangen solcher Art im Spiel ist, kann davon die Rede sein, dass ein ‚Subjekt’ sich ins Abenteuer der Weltstiftung und Welterzeugung eingelassen hat. In gewisser Hinsicht sind die Begriffe Initiativität und Subjektivität umfangsgleich. Mit sich anfangen: das soll nicht so verstanden werden, dass man bei einem moralischen Großreinemachen am besten zuerst sich selbst behandelt oder nach biblischem Rat vor der eigenen Türe kehrt. Mit sich selbst anfangen heißt auch nicht sich wichtiger nehmen als andere. Das Mitsichanfangen, von dem hier die Rede ist, bedeutet buchstäblich: Sichanfangen. Man muss diese Redewendung hören, als hieße sie: Sichscharfmachen, wie eine Bombe; Sichzururaufführungbringen, wie ein noch nie gespieltes Stück; Sichstarten, wie den Prototypus eines nur einmal vorhandenen Fahrzeugs; Sichentsichern, wie eine Waffe; Sichöffnen, wie eine Tür ins Niedagewesene; Sichübernehmen, wie ein bisher unertragbares Gewicht, das mit einem Mal doch zur Hochstrecke gebracht wird.“

Das ist durchaus rhetorisch gedacht. „Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen“, hat Augustinus gesagt, der vor seiner Bekehrung einer der berühmten Redelehrer seiner Zeit war. Der Antrieb zu handeln, etwas neues zu beginnen, ist uns eingeboren; Sprechen und in die Welt eingreifen sind die Tätigkeiten, die diese Bestimmung verwirklichen. Dergleichen haben die Rhetoriker schon früh der akademischen Philosophie als Versäumnis vorgehalten und den eigenen unmittelbaren Bezug zur Praxis in Staat und Gesellschaft dagegen gesetzt. Das übergeordnete Ziel: das gelungene Leben, fällt als Aufgabe in jeden einzelnen Lebensentwurf und überschreitet doch zugleich dessen Horizont.

Aber noch in einem weiteren wichtigen Punkt erneuert unser Preisträger rhetorisches Denken: Sprache ist für ihn nicht bloßes Vehikel des Gedankens, bloße Brücke zwischen Denken und Handeln. Immer wieder, besonders in den Frankfurter Vorlesungen, hat er darauf bestanden, dass Aufklärung weniger ein bestimmter Erkenntnisfundus als eine Erkenntnisweise darstellt, eine geistige Energie und Praxis, eine Denkart, die als literarisch-rhetorische Gestalt des Denkens selber funktioniert. Daher seine Neigung zu Paradox und Ironie, die Kunst der kühnen Metapher (die Lorca einmal den Reitersprung der Phantasie genannt hat), daher die Beispielfülle, die scheinbaren Abschweifungen und launigen Exkurse, die dialektische Struktur des Dialogs, der ihm so wichtig ist, dass er sich nicht gescheut hat, das der Philosophie vielleicht fremdeste Medium: das Fernsehen für seine Zwecke einzuspannen.

Das muss von der Zunft natürlich als ungeheure Provokation empfunden werden – ähnlich der Provokation, die seinerzeit Protagoras und Gorgias und Isokrates in Griechenland bedeuteten, oder die Anstößigkeit Ciceros in allen scholastischen Denkschulen bis heute begründet. „Ich glaube, es ist ein großer Unterschied zwischen Vernunft lehren und vernünftig sein“, bemerkte Lichtenberg süffisant, der unserem Preisträger heute gewiss zusammen mit uns applaudiert hätte. Auch er gehörte ja zu jenen Denkern, die energisch den philosophischen Aberglauben bestritten, dass nur die exakte Begriffssprache ein angemessener Ausdruck der Philosophie sei. Bis in die körperliche Beredsamkeit hinein hat sich diese Debatte symbolkräftigen Ausdruck verschafft: die geschlossene Hand steht seit jeher für die Philosophie, die weit geöffnete für die Kunst der Beredsamkeit. Gestische Zeichen, die auf bildliche Weise jenen Gegensatz aufnehmen, den ich uns anfangs anhand der Anekdote von Thales und der thrakischen Magd vor Augen geführt habe. Wie hat Sloterdijk selber es formuliert? „Die Philosophie entstand, als die griechischen Zauberer, Iatromanten oder Hellseherärzte der Trance- und Zauberzeiten sich in den Städten niederließen und es lernten, sich den Regeln urbaner Mittelbarkeiten zu unterwerfen. Was ist jetzt Weisheit, was ist gutes Leben? Im Blick auf die Schrecken der Welt die Bedingungen des Glücks erfragen zu können – an dieser Aufgabe findet der griechische Geist sein Richtmaß.“

Gegenüber den Schrecken der Welt, die ja nicht etwa abgenommen haben, hält Peter Sloterdijk die Fahne der Ciceronianischen urbanitas unbeirrbar hoch und mit ihr das Primat von „ratio und oratio“, Vernunft und Rede, Gespräch und Selbstdenken. Zarathustra, Nietzsches Zarathustra, wollte nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde – wenn unser Preisträger sich zu einer Religion bekennen wollte, wäre sie wohl voll Fröhlichkeit und Heiterkeit. Und das ist der letzte Blick, den ich zum Schluss meiner episodischen Promenade noch auf sein Werk werfen möchte. Seine stupende Gelehrsamkeit, sein provokativer Gestus verbinden sich nämlich mit einem liebenswürdigen Hang zu Spiel und Übermut. Hier haben wir einen, der mit Gedanken zu jonglieren versteht und das überlieferte philosophische oder literarische Bildungsgut zu Spielbällen seiner Sprachphantasie macht.

Im philosophischen Selbstverständnis hat seit jeher das Leichte einen schweren Stand. Gerade diese Unstimmigkeit musste einen Philosophen wie Nietzsche zur Umwertung besonders reizen. Den „Geist der Schwere zu töten“ hatte er seinen Zarathustra beauftragt und verkündet: „Das Gute ist leicht, alles Göttliche läuft auf zarten Füßen.“ In diesem Sinne einer fröhlichen Wissenschaft will auch Sloterdijk sein Philosophieren verstanden wissen, und so bringt er die Gedanken zum Tanzen, figurenreich und manchmal in schwindelerregenden Pirouetten kulminierend, so dass wir bewundern und gelegentlich nicht ohne Zagen zuschauen. Spekulativer Wagemut und rhetorisches Experimentieren steigern einander in ungeahnte Höhen – dass er uns dabei nicht ratlos zurücklässt, uns luftige Jakobsleitern baut und unsere Phantasie entzündet, dafür preisen und danken wir ihm.

 

 

Quelle: http://www.cicero-rednerpreis.de/presse.htm