Rezension
zu:
Peter Sloterdijk -
Theorie der Nachkriegszeiten: Bemerkungen
zu den
deutsch-französischen
Beziehungen seit 1945
Zur Leseprobe (Kap. 1+2)
Leseprobe
als PDF vom Suhrkamp-Verlag
Lob der Geschichtslosigkeit
Von
Dorle Gelbhaar
Der bekannte Kulturphilosoph Peter Sloterdijk hat ein neues Buch
vorgelegt. Darin analysiert er die Entwicklung der deutsch-französischen
Beziehungen aus politpsychologischer Sicht. Er verbindet dies mit
einer Betrachtung zur kulturprägenden Rolle von Nachkriegszeiten
Nachkriegszeit
Der Autor zieht den Bogen weit: von Karl, dem Großen, vom Heiligen Römischen
Reich deutscher Nation bis zu Napoleon, von Napoleon bis zum zweiten Weltkrieg
und der Zeit danach. Um die deutsch-französischen Beziehungen geht es dem
für wissenschaftliche Prosa und Essayistik mehrfach geehrten Philosophen
Peter Sloterdijk und um die Bedeutung von Nachkriegszeiten für die Entwicklung
der Kulturen. Von einer tausendjährigen deutsch-französischen Rivalität
spricht er, um am Ende eine “wohlwollende gegenseitige Nicht-Beachtung“ als
das Erreichte und maximal zu Erreichende zu bezeichnen.
Grenzgänger: Sloterdijk
Sloterdijk ist ein Grenzgänger, pendelnd zwischen Kunst und Philosophie.
Das zeichnet seinen Werdegang wie die Besonderheit seines Denkens aus. Im ZDF
moderiert er zusammen mit Rüdiger Safranski die Gesprächsrunde „Im
Glashaus – Das philosophische Quartett“ und beweist hier, wie vergnüglich
philosophische Streitgespräche sein können. Mit seiner „Kritik
der zynischen Vernunft“ bewies er, dass auch philosophische Schriften sich
nicht nur unter Studenten verkaufen lassen.
Hier nun geht er mitten h inein in die Deutung der Zusammenhänge von Politik,
Geschichte und Kultur.
Ausgang nehmen seine Interpretationen bei der Figur Napoleons, der Liquidator
des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation gewesen sei und dessen Eroberungskriege
die okkupierten Völker in einen Zwiespalt zwischen Nationalismus auf der
einen Seite sowie Modernismus und Liberalität auf der anderen Seite gestürzt
hätten. Zudem hätten diese den Typ des militärischen Genies und
Geniepolitikers in einer Person attraktiv gemacht.
Faszination: Napoleon
Der geschilderte Zwiespalt ist nachvollziehbar. Man muss nur an die Wirkung Napoleons
auf die großen deutschen Klassiker Goethe und Schiller denken. Bei Goethe
ging der Riss bis in die Familie hinein. Er untersagte – wie bekannt – seinem
Sohn August gegen Napoleon in den Krieg zu ziehen. Napoleon war für Goethe
Symbol wichtiger politischer Reformen in Europa, für seinen Sohn jedoch
der Okkupant, gegen den die deutsche Jugend sich aufzulehnen hätte. Darauf
geht Sloterdijk nicht ein, wie er überhaupt informierte Leser voraussetzt,
die über einiges Wissen um geschichtliche und kulturelle Zusammenhänge
verfügen und dies zu seinen Thesen in Bezug setzen können.
Die eingangs herangezogene „tausendjährige deutsch-französische
Rivalität – von der Reichsteilung unter den Nachkommen Karls des Großen
bis zu ihrer Auflösung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts“ ist
schließlich ein umfassendes Kapitel, dem sich der Autor nur so weit stichpunktartig
assoziativ annähert, wie es als beweiskräftiger Hintergrund für
seine Theorie erforderlich ist.
Keine leichte Kost
Theorie ist dem Autor nicht Selbstzweck, sondern Mittel, strategisch produktive
Wege für die Zukunft der Staaten zu finden. Er geht der Frage nach, wie
sich Kulturen ausformen und welche Rolle hierbei die Verarbeitung traumatisierenden
oder heroisierenden Kriegsgeschehens spielt, und bewertet zugleich nationale
Politik. Eingegangen wird auch auf deutsche (Martin Walser, Günter Grass)
und französische Literatur (Albert Camus, Jean-Paul Sartre) und deren Positionen
hierzu.
Der Kulturphilosoph ordnet in seine Theorie von der kulturformenden Rolle der
Nachkriegszeiten ein, was sich ihm an Historie von Politik bis Literatur darbietet.
Seine Sicht ist dabei westlich zentriert. Das entspricht durchaus seiner in diesem
Buch apostrophierten These zu den Nachkriegszeiten, wonach Niederlagen – sollen
sie produktiv verarbeitet werden – eine Anpassungsleistung an die Kultur,
die sich durchgesetzt hat, mit sich bringen müssten.
Eine leichte Kost bietet dieses schmale Büchlein nicht.
Dorle Gelbhaar
Broschiert:
72 Seiten; Verlag: Suhrkamp; Auflage:
1 (Juni 2008), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3518069926,
ISBN-13: 978-3518069929;Preis: EUR 7,00 -
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erschienen am 04.07.2008 in
vorwärts-online (zur Website )
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