Verdichtete Welt
von FRANK HARTMANN (zur Website )
In seinem neuen Buch "Im Weltinnenraum des Kapitals" erkundet
Peter Sloterdijk die Gefilde einer verdichteten Welt, die von Dichtern
erahnt, aber nicht immer ausgelotet wurden. Es ist die Geschichte
der Globonauten, ein abendländisches Heldenlied mit vorläufigem
Ende.
Erstaunlich, wie selten lesbare philosophische Bücher geschrieben
werden. Philosophie rührt ans Grundsätzliche, ans menschlich
Wesentliche. Ihre Thesen drehten sich schon immer um Gott und die
Welt, um endliche wie unendliche Fragen. Manchmal aber auch nur
um sich selbst – Philosophie in der modernen Welt hat sich
mit ihren Spezialisierungen buchstäblich verzettelt, doch
die Zeit der Zettelkästen ist längst vorbei.
Zudem gibt es ein Problem mit den Größen. Wer sich mit
ihnen, etwa mit Kant, Hegel, Nietzsche und Heidegger nicht beschäftigt
hat, muss im philosophischen Diskurs schweigen. Diese Größen
werfen so lange Schatten, dass jegliche Begeisterung für ihre
Texte merklich rasch abkühlt. Philosophie-Institute sind solche
Zonen, in denen alles Lebendige abstirbt und außer dem Ressentiment
nichts mehr gedeiht.
Peter Sloterdijk hat sehr früh gelernt, eine dazu exzentrische
Position einzunehmen. Sein Mittel dazu war einerseits der literarische Überbietungsgestus.
Die philosophischen Entwürfe – zuerst die Kritik der
zynischen Vernunft, dann die Sphären-Trilogie – haben
vorgeführt, wie Vergegenwärtigung der Theorietradition,
Zeitdiagnose und stilistischer Anspruch sich so vereinen lassen,
dass das Resultat auch für Nicht-Philosophen gewinnbringend
lesbar ist. Ihr Autor versucht sich am großen Entwurf, der
das Erzählerische mit dem Philosophischen, den literarischen
Anspruch mit dem theoretischem Denken produktiv verbindet.
Nun könnte man meinen, nach einigen aufgeregten Debatten um
seine Essays und vor allem nach "Schäume", dem letzen
Band der voluminösen Trilogie, wäre es vorerst einmal
genug. Gleich noch ein Band? Das ist wohl verlegerische Strategie,
ganz dem Marketing geschuldet. Doch weit gefehlt. Wer Sloterdijk
liest, was ja selten unvoreingenommen passiert, wird trotz des
Umfangs von der Kurzweiligkeit der langen Texte angenehm überrascht.
Und lässt sich nicht zuletzt von seinem Anliegen überzeugen,
dass es in einigen Punkten immer noch etwas nachzulegen gibt.
„
Raum“ steht thematisch im Zentrum der Sphärologie, und
das bedeutet die Frage nach dem historisch veränderlichen
Modus dessen, wie wir in der Welt sind und welche Form dieses Dasein
annimmt. Weniger Theorie denn hyperbolisches Konstrukt, zeigt Sloterdijk
damit im erkennbaren Anschluss etwa an Michel Foucault ("Die
Ordnung der Dinge") und Michel Serres ("Atlas"),
was aus seiner Sicht anthropologische Formkraft hat. Dass wir heute
dabei sind, global zu denken, hat mit einer raumgreifenden und
raumbildenden Dynamik zu tun, die neue Bedingungen des Menschseins
schafft.
Welche psychologischen, soziologischen oder architektonischen Fragen
dies betrifft, hat Sloterdijk zuletzt ausführlich gezeigt.
Auf die Philosophen, die „Mitglieder der Fakultät für
Weltweisheit“, wird jetzt im neuen Buch wieder mit aller
Kraft gespottet. Enthalten die sich doch im Globalisierungsdiskurs
der Stimme, möglicherweise deshalb, weil sie nicht viel mehr
dazu zu sagen hätten als ein durchschnittlich gebildeter Zeitungsleser
auch. Welch Ironie der Lage, die zugleich nun doch noch als Ausgangspunkt
zu nehmen ist für den erneuten Anlauf, eine Philosophie der
Globalisierung zu schreiben.
War die Frage des menschlichen „Zur Welt Kommens“ Sloterdijks
Anliegen in den bisherigen Texten, so löst er sie mittlerweile
weniger im poetischen „Zur Sprache kommen“ auf, sondern
im Versuch einer kulturhistorischen Morphologie. Mit anderen Worten:
in einer Beschreibung des Gestaltwandels der Weltwahrnehmung.
Unser Weltsystem entsteht durch Entdecker und Eroberer, von Magellan
und Kolumbus bis Charles Lindbergh und Neil Armstrong, der schließlich
den Fuß auf den Mond setzte. Morphologie ist die Lehre von
den Formen, und das globale Weltsystem erhält die seine nicht
aus den endlosen Verschriftungsprojekten der Gelehrten, sondern
aus der konkreten Welterfahrung, die sich in zunächst geheimen
Karten und Globen als Hauptmedien der frühen Globalisierung
niederschlägt.
Im Erobern, Entdecken und Kartographieren verdichtet sich die neuzeitliche
Welt zum Weltbild der Moderne. Es ist das Wissen um die Erdoberfläche
und den Globus als ganzen, das hier rekonstruiert wird, und damit
auch das Wissen um konkrete Macht. „Wer die Karte zeichnet,
tritt auf, als habe er kulturell, geschichtlich, juristisch und
politisch recht.“ Dabei treiben nicht Erkenntnisinteressen,
sondern unermessliche Gewinnspannen und sichere Handelsgeschäfte
die Eroberer hinaus ins ozeanische Abenteuer. Die Globalisierung
als Investition – sie war ein Geschäft und ist es geblieben: „Die
Hauptsache der Neuzeit ist nicht, daß die Erde um die Sonne,
sondern daß das Geld um die Erde läuft.“ Stimuliert
wird sie durch die Verfolgung eines kaufmännischem „Fernappetits“,
der im gegenwärtigen Zustand eines unhintergehbaren „Telerealismus“ endet.
Neu ist diese kapitalismuskritische Diagnose sicher nicht. Und
Sloterdijk bleibt im Habitus linker Kritik, unternimmt allerdings
eine Verschiebung, nach der es sinnlos erscheint, subjektives oder
kollektives Handeln auf eine Veränderung der Lage abzustellen.
Hier fällt auch das Wort „Täterenthemmung“,
das wie ein Vektor aus den weltweit ausgedehnten Kräften der
Entdeckung, der Missionierung und des Handels resultiert. Und es
kommt zu einer interessanten Wendung. Während im ersten Teil
dieses Buches die Freisetzung von religiösen, unternehmerischen
und kriminellen Energien der Innovation abgehandelt wird, erforscht
der zweite Teil die Verfestigung moderner, globaler Existenz eben
zum – nach einem Ausdruck von Rilke – Weltinnenraum
des Kapitals. Die neuzeitliche Raumrevolution, so die These, entspricht
nämlich keiner globalen Öffnung, sondern im Gegenteil
der Absicherung eigener Existenz im Sinne einer Potenzierung der
Kapitalbewegung.
Einleuchtend klingt das ja, denn investiert wird nur aufgrund der
Hoffnung auf einen Return on investment. Die Entwicklung des modernen
Versicherungswesens gehört ebenso dazu, und das, was Sloterdijk
die Immuntechnologie der Moderne nennt: Absicherung, Versicherung
und Rückversicherung als ein System, das alle Störungen
der einmal geschaffenen Binnensphäre des Wohlstands abwehrt.
Und das Symbol dafür ist eben jenes Treibhaus des Kapitals,
der aus Anlass der ersten Weltausstellung 1851 in London errichtete „Kristallpalast“.
Dieses prototypische und oft kopierte Gehäuse westlichen Wohlstands
dient Sloterdijk als Emblem für die Ambitionen der Moderne,
vor allem auch deshalb, weil es schon bald das Ressentiment gegen
die Utopie des kollektiven Glücks im Wohlstand schürte.
So hat einst, hochgelobt von Nietzsche, Dostojewskij die Perspektive
auf den Londoner Kristallpalast aus einem Petersburger Kellerloch
angelegt, um mit der Ideologie seines Jahrhunderts zu brechen.
Es ist interessant, wie Sloterdijk diese antiwestliche, antikapitalistische
Poesie des Ressentiments gegen die entsprechende Analyse Walter
Benjamins ausspielt, der mit dem unvollendeten Passagen-Werk über
das neunzehnte Jahrhundert sein Thema verfehlt habe. Während
Benjamin in dem, was wir heute als Shopping Malls oder Shopping
Cities kennen, ein erweitertes Interieur des Bürgertums erkennen
wollte, geht es Sloterdijk um die Immanenz eines Raumes, der das
Begehren generell freisetzt und die Kaufkraft zum pseudo-transzendentalen
Prinzip erhebt.
Gewinn- und Verlustrechnungen bestimmen dabei die Wirklichkeit.
Die Globalisierung bringt Gewinner hervor, die den Weltinnenraum
des Kapitals bewohnen. Aber nur auf etwa ein Viertel der Weltbevölkerung
trifft das zu, während drei Viertel draußen bleiben.
Haltungen, die sich dagegen wenden, sind Verliererbewegungen, wie
das eben das Ressentiment, aber auch die Revolution oder der Terrorismus.
Für sie ist, anders als für die neoliberalistischen Gewinner,
die Geschichte noch nicht zu Ende. Welche Eroberungs- und Angriffsakte
sind in der Welt des Telerealismus für sie noch möglich?
Wer etwas hat, hat immer auch etwas zu verlieren, und ist daher
alarmbereit. Sloterdijk radikalisiert für seine Diagnose des
Terrorismus Luhmanns Theorie der Mediengesellschaft: eine Verdoppelung
der Realität, die dadurch entsteht, dass wir das, was wir über
die Welt wissen, durch die Massenmedien wissen. Hier verdichten
sich Bedrohungen, Verlustängste und Katastrophenberichte zur „hysterisierten
Infosphäre“. Es fällt von außen nicht schwer,
diesen wunden Punkt auszumachen. Wie in jüngster Zeit beobachtbar
wurde, entwickelt sich ja geradezu eine Art Ankündigungsjournalismus,
der sogar schon mögliche Katastrophen, vermutete Bomben und
potenzielle Attentate als Sensationsmeldungen handelt. Da die Medien über
den Terror nicht schweigen, hat dieser auch entsprechenden Erfolg.
Damit, dass Terroristen den posthistorischen Kontinent westlicher „Aufmerksamkeit“ erobern, „ahmen
sie direkt das ursprüngliche Momentum der europäischen
Expansionen seit 1492 nach“. In dieser quasi-kybernetischen
Lesart bedeutet Terrorismus für das westliche Wohlstandsbürgertum
die Rückkehr der Taten zum Täter.
Lässt sich daraus lernen? Dieser Essay verneint es tendenziell.
Wir leben in einer Welt voller Episoden, mit berechenbaren Zwischenfällen,
von denen die Versicherungsbranche und die Überwachungstechnologie
profitieren. Noch die größte Katastrophe lässt
sich als im Grunde leere mediale Geste begreifen. Wer sie medial
zur Kenntnis nimmt, ist nicht betroffen, genau daher kommt das
ganze Betroffenheitsgetue gerade in den Medien, die angeblich nur
ihrer Berichterstattungspflicht nachkommen. Nach dem 11. September
ist, wie Sloterdijk süffisant bemerkt, die größte
Sorge heutiger Weltbürger die, an Flughäfen ihre Nagelscheren
im Handgepäck für die Absenkung des Luftfahrtrisikos
opfern zu müssen.
Man kann wirklich nicht sagen, dass dieser Autor seinen Leser nicht
ebenso interessante wie kontroversielle Gedanken zumuten würde,
die zudem noch stilistisch brillieren. Vielleicht macht ihn genau
das so umstritten? Der Neid saturierter, im Business-Jargon schwelgender
Wissensfunktionäre auf die ebenso kreativen wie punktgenauen
Analysen und die Originalität einer manchmal verspielten,
dennoch in keinem logischen Abseits spielenden Begrifflichkeit?
Womöglich ließe sich einwenden, die Globalisierungskritik
sei nicht neu und es gäbe längst Anderes und vielleicht
Besseres als diese launischen Tiraden aus der philosophisch-ästhetischen
Ecke. Aber Sloterdijk wagt eben eine präzisere Vermessung
dieses kapitalistischen Innenraums westlicher Daseinsstimmung,
als beispielsweise Negri und Hardt im Empire, einem Versuch der
Adressierung einer generalisierten und dabei völlig unbestimmt
gebliebenen Opposition. Ja, Globalisierung meint Entdecken, Erobern,
Hereinholen, Verwestlichung und Beseitigung von Ferne als Entfaltung
eines umfassenden „Telerealismus“. Aber die Globalisierungskritik
findet auch nur als Selbstgespräch auf Wohlstandsinseln statt,
in dem es kein revolutionäres Subjekt mehr gibt, das angesprochen
werden könnte. Die Mehrheit der Unterprivilegierten, die vor
den Grenzposten des Wohlstandsterritoriums verweilen muss, reagiert
nicht auf den kritischen Verzichtimperativ, und praktiziert so
eine wenigstens symbolische Aneignung: gilt doch gerade für
die weniger Privilegierten vorzugsweise das Motto More Logo! anstelle
von No Logo!
Sloterdijk liefert eine plausible Exposition der Globalisierung
als Entfaltung eines Weltmarktes, auf dem Subjektivität letztlich
mit Kaufkraft identifiziert und animistischer Kapitalismus als
eine Art Gesamtkunstwerk realisiert wird. Sprachlich ausgefeilt
und wunderbar eigensinnig, entwirft der Essay zuletzt jenen imaginären
Fluchtpunkt, an dem Adam Smith und Rainer Maria Rilke zusammentreffen:
der erste Theoretiker des Weltmarktes mit dem ersten Poeten des
Weltinnenraums. Eine elegante Lösung der Frage, wie sich nach
verspäteten Marxisten und gutmeinenden Globalisierungsgegnern
noch das Wort zur Sache ergreifen lässt. Ja, aber Geld regiert
die Welt wäre schon ein dünnes und zudem redundantes
Ergebnis dieser Abhandlung, würde diese nicht den Zusammenhang
ergründen zwischen einer Psychopolitik der Moderne und ihrer
raumgestaltenden Kraft. Die operative Verabsolutierung des monetären
Prinzips einerseits, die Außerkraftsetzung von Zugehörigkeiten
im Flexibilitäts-Dogma andererseits bestimmen die Lage der
letzten Menschen. Territoriale Entgrenzung und maximale Verfügbarkeit
als finale Option tritt in einen Kampf mit nichthintergehbaren
Lokalitäten, zu denen auch Nationalismen gehören: das
ist der soziale Sprengstoff der unmittelbaren Zukunft.
Realisieren die Bewohner des Kristallpalastes ihre menschliche
Freiheit, die nach Adam Smith nur eine unternehmerische sein kann,
oder vollzieht sich hier jene Kristallisation, mit der alles zu
Routinen und leeren Gesten verkommt, wofür wahrnehmungslose
Touristen und eine wahrnehmungsleere Event-Kultur prototypisch
sind? Oder das Märchenmotiv vom unverdienten Vermögen,
das der Parasiten im Wertschöpfungsprozess, wie Industrieerben,
Börsenspekulanten, Lottogewinner, Medienprominente und Abfindungsmanager?
Oder die generalisierte Forderung nach Absicherung, Belastungsfreiheit
und Leistungsumgehung? Dass gewöhnliche Kulturkritik nicht
genügt, um auf diese postmodernen Phänomene zu reagieren,
macht Sloterdijks Essay ziemlich deutlich. Wo Gefahr ist, wächst
das Rettende auch – wie es einst hieß. Sloterdijk sieht
dieses Rettende als eine Art neuer „Erdung“, eine „irdische
Linke“, die Asymmetrien verfolgt, statt historische Emanzipationsbewegungen
fortzuschreiben und Alternativen schafft, statt Konfrontationen
wie die zwischen Global und Lokal versucht aufzulösen. Er
schafft damit eine über viele Mikro-Analysen errichtete, dezidiert
anti-resignative Basis für einen Diskurs, der die politische Ästhetik
neu gestalten könnte – und das zumindest will etwas
heißen. Wem das immer noch nicht genug ist, der ist entweder
ein hoffnungsloser Romantiker oder ein sozialdemokratischer Zyniker.
Es scheint, als ob im Projekt der Menschwerdung beide ein Auslaufmodell
wären.
Peter Sloterdijk
Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie
der Globalisierung
Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005
415 Seiten, € 24,80 (D) / € 25,50 (A) / sFr 44,40 (amazon)
Frank Hartmann unterrichtet Medienphilosophie
an der Universität
Wien; zuletzt erschienen Mediologie (WUV, 2003) und Bildersprache
(WUV, 2002). Text auf Frank Hartmanns Website 
Erstpubliktion
als Druckfassung in: Volltext - Zeitung
für Literatur, Ausgabe 18, April/Mai 2005
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