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Wie
werden wir die nächsten hundert Jahre überleben?
Terror, Kriege, Viren: Der Physiker Stephen Hawking fragt, ob die
Menschheit dabei ist, sich selbst zu zerstören. Zehn deutsche
Wissenschaftler antworten
Peter Sloterdijk, Philosoph
Stephen Hawking ist einer der Gelehrten, die sich Sorgen ums große
Ganze machen. Er steht in einer noblen Tradition von Physikern
des 20. Jahrhunderts, die die Gesellschaft vor der Gesellschaft
warnen und naturgemäß auch vor den Physikern. Beide
Warnungen gefallen mir, sie zeigen den Realitätssinn der großen
Naturwissenschaftler.
Ich teile Hawkings Besorgnisse völlig. Mit seiner Frage bekennt
er sich zu der Beobachtung, dass es manifeste Selbstzerstörungstendenzen
in der Welt gibt. Er reagiert mit seinen Mitteln auf einen Befund,
der manche seiner Kollegen seit Hiroshima umtreibt. Er tut dies
nicht moralisierend wie seinerzeit Existenzphilosophen, die behaupteten,
der Mensch stehe nur vor einem echten Problem, dem Selbstmord.
Er wählt einen juristischen und ökologischen Ansatz,
indem er den Begriff »Nebenfolgen« ernst nimmt. Er
scheint sich zu fragen: Wie kann man bei unternehmerischen Menschen
den Gedanken der Produkthaftung populär machen? Bei Herstellern
von Waschmaschinen und anderen Gütern, die länger halten
sollen, ist das ja nicht mehr ganz ungewöhnlich. Nur wenn
es ums Ganze geht, hat sich der Haftungsgedanke unter den Aktiven
noch nicht durchgesetzt.
Im Zusammenhang mit der Ausrottung der Indianer in Nordamerika
habe ich einmal notiert: Die einzige tröstliche Vorstellung
dabei ist, dass die Weltgeschichte ein Verbrechen ist, das man
nur einmal begehen kann. Heute sind wir alle Indianer vor der Ausrottung – die
absehbare Geschichte unseres Verschwindens birgt wenig Trost. Hawking
hält uns für eine gefährdete Art, seine Empfehlungen
fallen drastisch aus. Sie sind von einer technophilen Grundstimmung
geprägt, wenn er sagt: Wir müssen auf andere Sterne auswandern.
Seltsam, man darf nicht den Israelis empfehlen, Israel aufzugeben,
aber der Menschheit darf man nahe legen, sich einen anderen Planeten
zu suchen. Niemand fühlt sich durch einen solchen Vorschlag
provoziert, als ob die Menschheit kein beleidigungsfähiges
Kollektiv wäre. Der Rat zum Auswandern drückt die Überzeugung
aus, unsere Probleme seien am Boden unlösbar. Hier sind Prozesse
in Gang gesetzt worden, die nach der Ansicht des Gelehrten nicht
mehr durch Maßnahmen höherer Ordnung zu korrigieren
sind.
Wären unsere Schwierigkeiten allein durch moralische oder
kulturelle Haltungsänderungen zu bewältigen, könnte
man den Standort Erde verteidigen, doch nach Hawking sollen wir
darauf gefasst sein, die Erde demnächst aufzugeben – das
sagt einiges über seine Meinung bezüglich der menschlichen
Lernfähigkeit. Hielten wir auf der Erde durch, hätten
wir nur als genetisch veränderte Menschen eine Chance, uns »weiser
und weniger aggressiv« zu verhalten.
Ich meine, in aller Bescheidenheit, bevor man die Eugenik und den
Exodus ins All bemüht, sollten die bekannten irdischen Alternativen
ausgeschöpft werden. Man könnte unter anderem auf die
klassische Vorstellung zurückgreifen, dass Politik ein Mechanismus
sei, Intelligenz in die Steuerung sozialer Systeme zu implantieren.
Im Augenblick hat man nicht das Gefühl, dieser Forderung werde
Genüge getan, denn die Akteure von heute spielen ein gefährliches
Spiel mit dem menschlichen Zeitgefühl. Man lässt es auf
die Katastrophe ankommen, weil man überzeugt ist, nur sie
hätte die Autorität, eine Kehre zu bewirken.
Wie bekannt, rasen wir mit Höchstgeschwindigkeit frontal auf
eine Betonmauer zu, doch weil der Moment des Aufpralls eine Weile
entfernt ist, bleibt man auf dem Gaspedal. Unsere größte
Gefahr steckt in der Unfähigkeit, dreißig, fünfzig,
hundert Jahre konkret vorauszufühlen. Darum verbraucht die
Gesellschaft der letzten Menschen ihre Zukunftschancen mit dem
besten Gewissen. Man tut es in der Annahme, die Lösungen wüchsen
so schnell wie die Probleme. Um ein anderes Bild zu verwenden:
Wir verhalten uns, als seien wir aus dem hundertsten Stock eines
Hochhauses gesprungen und postulieren, man werde dort unten bis
zum Aufschlag schon etwas erfinden.
Manche halten das für realistischen Optimismus – man
könnte es aber auch Offene Meisterschaften im Selbstbetrug
nennen.
Was passiert zum Beispiel mit den fossilen Energien? Die gefährliche
Massenfrivolität im Kapitalismus ist ja unverkennbar ein Nebeneffekt
der fossilenergetischen Technik. Eine ernsthafte Wende müsste
den leichtsinnigen Habitus der Verbraucher korrigieren. In einer
Philosophen-Republik würde das Verbrennen fossiler Energieträger
einfach verboten – Philosophen sind ja, wenn nötig,
rigoros. Nun werden wir die Philosophenherrschaft nicht erleben.
Was weiter? Man könnte den Chinesen nahe legen, ihren Kohle-
und Ölverbrauch zu drosseln. Das Ergebnis lässt sich
vorhersehen. Man hat in China förmlich erklärt, eine
große Nation habe ein Recht auf Umweltverschmutzung – eine
bemerkenswerte Äußerung, durch die auch das Verhalten
des Westens explizit gemacht wird. Wer etwas gilt, lebt nach dem
Motto: Wir sind zu bedeutend, um keinen Müll zu hinterlassen.
Am realistischen Ende der Skala werden die Vorschläge pragmatischer.
Irgendwann sind wir so weit, dass wir eine unverbindliche Empfehlung
aussprechen, die CO2-Emissionen zu reduzieren, Kyoto-Protokoll
und Co. Das kann man unterschreiben oder nicht. Und hat man unterschrieben,
kann man sich dran halten oder nicht.
Von hier an kennen wir die Szene. Wir finden uns wieder in unserem
fahrerlosen Bus, der mit steigender Geschwindigkeit auf die Wand
zurast. Dabei kommt eine letzte erbauliche Vorstellung auf: Die
Verzweiflung, die man braucht, um sich ins Weltall abzusetzen,
sollte auch dazu ausreichen, den Bus zu bremsen.
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Quelle: http://www.zeit.de/online/2006/34/bildergalerie-ueberleben?5
Peter Sloterdijk, 59, ist Rektor der Staatlichen Hochschule
für
Gestaltung in Karlsruhe
© ZEIT
online, 17.08.2006
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