"Väter weg von Puff und Kneipe"
Parteien? Nur noch Dienstleister auf dem politischen
Illusionenmarkt. Die Linke? Nur noch entwaffnet und ratlos. Die
Grünen? Nur
noch Gierpartei und Teil der totalen Mitte. Warum Peter Sloterdijk
dann doch ganz optimistisch ist
Interview von JAN FEDDERSEN und SUSANNE
LANG; - taz vom 23.12.2006
taz: Herr Sloterdijk, was hat in diesem Jahr Ihren Zorn geweckt?
Peter Sloterdijk: Ich weiß nicht recht, ich bin nicht leicht
zu provozieren. Am ehesten denke ich, es waren die Studentenproteste
in Frankreich gegen die Einführung des neuen Erstbeschäftigungsvertrags.
Sein Zweck bestand darin, den Arbeitgebern Spielräume einzuräumen,
um ihnen die Hemmungen vor der Einstellung neuer Mitarbeiter zu
nehmen. Absurderweise wurde das von den Betroffenen als Angriff
auf ein vermeintliches Grundrecht auf Lebenszeitbeschäftigung
vom ersten Arbeitstag an gewertet. Ihr Widerstand war völlig
illusorisch, als wollte man Spitzenjobs für alle fordern.
Idealismus zeichnet eine Studentenbewegung doch aus?
Man sollte Illusionismus und Idealismus unterscheiden. Die Haltung
der Jüngeren hat sich verändert. Ich selber komme aus
einer Generation, die unter ganz anderen Vorzeichen angetreten
war: Als ich 1966 Abitur machte, wollte man überhaupt nie
einen Kompromiss mit der Welt der Festanstellungen eingehen. Unser
Motto lautete: "Meine Arbeitskraft kriegt ihr nie."
Aber das galt doch nur für die linken Kader, nicht für
ihre Schutzbefohlenen, die Arbeiter.
Es stimmt, dass in den frühen 70ern, zur Zeit der sogenannten
Vollbeschäftigung, eine studentische Boheme entstehen konnte.
Diese 68er-Boheme hat einen politischen Überschuss erzeugt,
der fantastische Öffnungen bewirkte. Von denen leben wir bis
heute. Die Proteste in Frankreich haben dagegen eine geradezu überwältigende
Verspießerung der Jugend sichtbar gemacht.
Weil die Jugend arbeiten statt revolutionieren will?
Weil sie ihre Wünsche von der Logik der Arbeitswelt strukturieren
lässt. In früheren Lebensläufen spielte Jugend die
Rolle eines psychosozialen Moratoriums, in dem der Mensch im Zustand
der Unentschiedenheit, sogar der Desorientierung geduldet und geschützt
blieb. Die Voraussetzung war ja immer, dass dies im Dienst einer
späteren optimalen beruflichen Anwendung geschieht. Heute
gehen 18-Jährige zu Hunderttausenden auf die Straße
und klagen die Lebenszeitanstellung ein!
In Frankreich gingen auch Jugendliche in den Banlieues
auf die Straße und zündeten Autos an. Sind sie die eigentlich
Zornigen dieser Gesellschaft?
Nein, beide Proteste sind vor allem mimetische Bewegungen, die
einen Zorn nachahmen, den die Akteure selbst gar nicht nicht immer
haben. Frankreich schöpft aus einer reichen Empörungsfolklore.
Die beherrschen wir in Deutschland auch ganz gut, oder?
Ja, aber sie ist schwächer ausgeprägt. In Frankreich
herrscht eine viel immobilere Atmosphäre, und die hat eine
Dialektik von Stillstand und Explosion zur Folge. Bei uns sind
die Dinge mehr im Fluss, deswegen hat der Protest keine so breite
Basis mehr wie in den 80ern.
Als vor allem die Grünen sehr laut zu hören waren?
Wer die Grünen verstehen will, muss wissen, dass Deutschland
nach 1945 bei der Hervorbringung von Verliererverhaltensweisen
Außerordentliches geleistet hat. Bei uns ist die thymotische
Kultur, die über Selbstaffirmation und Stolz läuft, bis
auf den Stumpf abgetragen worden. Der Rest an selbstaffirmativem
Verhalten musste sich seither über Moralismus ausdrücken.
Da waren die Grünen federführend, sie waren teilweise
richtige Jakobiner.
Demnach gaben die Grünen als Partei eine gute Zornbank ab,
wie Sie es in Ihrem neuen Essay "Zorn und Zeit" ausführen.
Sind sie das noch?
Die Funktion der Institution Partei, nicht nur der Grünen,
hat sich heute grundsätzlich geändert. Historisch gesehen
waren Parteien nie nur Organe für Interessenausdruck, sondern
mehr noch Affektsammelstellen. Es war ihre Aufgabe, Hoffnungs-,
Illusions-, Wunsch- und Zornsammlung zu betreiben. Aufgrund verschiedener
Mischungen haben sie jeweils verschiedene Publikumssegmente angesprochen:
Diejenigen, die ihre Satisfaktion über nationale Symbole gesucht
haben, artikulierten sich im rechten Flügel. Die anderen,
die sich mit Symbolen des materiellen Fortschritts, des Ausbaus
der Gerechtigkeit und des Sozialstaates identifizieren konnten,
sammelten sich am linken Flügel. Bei den Liberalen schließlich
haben sich die getroffen, die sich vom Fortschritt der Freiheiten
im modernen Staat das meiste versprachen. Interessant ist jedenfalls,
dass die bürgerlichen Parteien als Sammelstellen für
militante Zufriedenheit fungierten.
Worin besteht die?
Das Bürgertum ist die Klasse, die aus ihrer Zufriedenheit
selbst einen Trotz macht. Wie kann man das erklären? Die moderne
Gesellschaft popularisiert die Möglichkeiten des Vergleichs.
Deswegen gibt es ein asymmetrisches Wachstum zwischen den Gründen,
zufrieden zu sein, und den Gründen, unzufrieden zu sein. Sobald
die Befriedigungsmittel weiter gestreut sind, wachsen auch die
Vergleichsmittel. Jeder vergleicht sich mit jedem, mit dem Ergebnis,
dass man ringsum Leute sieht, die zu Unrecht vor dir liegen. Auf
diese Weise werden zahllose Leute, die objektiv gesehen Modernisierungs-
und Fortschrittsgewinner sind, subjektiv zu Protestierenden.
Deshalb leben wir in einer deutschen Welt. Luxusunzufriedenheit
führt zu Abstiegsängsten?
Diese Frage bringt die Paradoxie dieser vergeudeten Unzufriedenheit
sehr schön auf den Begriff. Luxusunzufriedenheit deutet darauf
hin, dass Menschen kein Organ haben, um Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen.
Wir sind einerseits orientiert an Tatsachen, andererseits an Hoffnungen
und Erwartungen. Aber ein Organ für das Wahrscheinliche gibt
es nicht. Deswegen können wir die unvorstellbare Unwahrscheinlichkeit
unserer eigenen Lebensform nicht evaluieren. Das könnten nur
Leute, die von außen kommen, oder solche, die zwischen einer
Armutskultur und einer Reichtumskultur pendeln.
Übertragen auf die Parteien, bedeutet dies, dass sie heute Anwälte
des Unwahrscheinlichen sind?
Ich sehe sie als Dienstleister auf dem politischen Illusionenmarkt.
Ihr Pakt mit der Unwahrscheinlichkeit ist schicksalhaft und zwanghaft.
Gewählt wird ja, wer den Wählererwartungen am meisten
entgegenkommt. Aber alle Erwartungen dieser Art laufen auf steigende
Unwahrscheinlichkeit hinaus. Das Generalprodukt, das die Parteien
heute ausnahmslos anbieten müssen, ist der plausible Schein,
dass durch die Politik dieser Partei die Lebensformen ihrer Klientel
optimiert werden.
Die meisten Politiker signalisieren doch gar keine Optimierung
mehr, sondern versprechen den Status quo. Und dies sehr alarmistisch.
In einem ausgeleerten Liberalismus gilt auch die Garantie des Status
quo sehr viel. Wo die meisten Ideologen längst wieder mit
Verschlechterungsdrohungen arbeiten, sind Bestandsgarantien schon
nahezu Evangelien. Man muss sich klarmachen, dass auf der politischen
Bühne schon immer die Drohkräfte mit den versprechenden
Kräften gerungen haben. Gegenwärtig sind die Drohkräfte
obenauf, deswegen werden die suggestivsten Drohthemen, internationale
Konkurrenz und Terrorismus, bei uns so stark besetzt. Eigentlich
würden die Menschen lieber schöne Versprechen hören,
inzwischen sind sie schon froh, wenn man ihnen nicht allzu offen
droht. Und dieselben Leute haben vor kurzem noch offensive Forderungen
gestellt!
Der Mythos vom Generalstreik kann also gar nicht mehr tragen?
In Deutschland noch weniger als in anderen Ländern. Die Linke
war mächtig, solange sie selber glaubhaft drohen konnte. Damals,
als der Kommunismus wie die real existierende Alternative auftrat,
mussten die westlichen Arbeitnehmerparteien nicht sehr viel tun,
um der Arbeitgeberseite klarzumachen, dass der soziale Frieden
auch bei uns seinen Preis hat. Vergangene Zeiten. Die Linke ist
jetzt bedroht, nicht drohend. Bei den Strategen definiert man die
Drohung als bewaffneten Ratschlag. Links ist man heute entwaffnet
und ratlos.
Wenn die Linke also ein Blatt ohne Trümpfe auf der Hand hat
- dann ist sie doch überflüssig?
Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ist in der westlichen Welt
die gesamte Politik in die Mitte implodiert. Gleichzeitig implodierte
im Osten der kommunistische Apparat. Das Ressentiment wird seither
immer diffuser. Das ist das Merkmal der postkommunistischen Lage:
Die Linke hat aufgehört, als Zornsammelstelle zu funktionieren.
Womit soll sie jetzt noch werben? Ich denke, sie muss ihren Fokus
verschieben, weg von Rachefeldzügen, hin zu Zivilisationskampagnen.
Vom Kämpfen zum Lernen.
Bei "Rachefeldzüge" fällt uns sofort einiges
ein - aber wie sollten linke Zivilisationsprojekte aussehen?
Man könnte sich zum Beispiel einschalten in die Differenzen
der Religionen. Warum ist der Islam in der postkommunistischen
Situation so in den Vordergrund gekommen? Weil seine Aktivisten
ihn als drohfähige Größe durchgesetzt haben. Ich
habe in meinem Buch die Frage erörtert, ob es dem Islam gelingt,
nach Katholizismus und Kommunismus die dritte Sammlung des Weltzorns
zu organisieren, und ich sage Nein.
Weshalb gelingt ihm das nicht?
Seine Voraussetzungen sind zu regional. Sie können den Unmut
deutscher oder polnischer Arbeitsloser nicht islamisch sammeln.
Natürlich, man kann sich gegenmodern in den Islam zurückziehen
und sich in ihm stabilisieren, aber er lässt sich nicht zu
einer Bewegung ausbauen, die aus der Mitte der Modernisierung kommt.
Er kann keine bessere Moderne versprechen. Das war dem Kommunismus
zeitweilig gelungen.
Inwiefern sind aber die Differenzen der Religionen ein Projekt
der Linken?
Wenn es heute einen Weltkrieg gibt, dann hat er die Form eines
Clashs der Monotheismen. Diese Antagonismen müssen zivilisiert
werden.
Das klingt nicht wirklich neu. Wie diese Zivilisierung
aussehen sollte, kann aber kaum jemand formulieren. Was wäre
Ihr Vorschlag?
Zum Beispiel die zivilisierende Überformung der Religion durch
die Kunst. Thomas Mann hat in seiner Romantetralogie "Joseph
und seine Brüder" vorgemacht, wie so etwas geht. In dem
Buch wird gezeigt, wie es zugehen könnte, wenn die exklusive
und eifernde Form des Monotheismus sich dank der Begegnung mit
einer Fremdreligion in eine inklusive Kunstreligion verwandelt.
Dies könnte die Linke übernehmen?
Nicht direkt. Von dieser Lektion sind zunächst einmal die
Konfliktparteien betroffen, die Dogmen- und Positionsbesitzer,
die einen Wahrheitsfundus verwalten. Aber gleich danach könnte
die postkommunistische Linke ins Spiel kommen, sofern sie noch
einen Sinn für die Produktivität von Kämpfen, Reibungen
und Konfrontationen hat. Auch heute sind die Kämpfe die maßgeblichen
Lernsituationen. Man darf sich keinen Illusionen hingeben. Die
Menschheit ist noch mehr als zu Hegels Zeiten zur Autodidaktik
auf Leben und Tod verurteilt. Der Krieg ist die primäre Schule,
und wer nicht kämpft, lernt auch nicht. Neutrale Lehrer stehen
nicht zur Verfügung. Aus dem Kampf selbst müssen die
Regeln generiert werden, die über den Kampf hinausführen.
Also Klassenkampf?
Nun ja, der gute alte Klassenkampf baute auf einer prekären
Siegesfantasie auf: Das Proletariat müsste die völlige
Kontrolle über den Produktionsprozess gewinnen, so wäre
der Antagonismus mit dem Kapital beendet. Die Russische Revolution
hat gezeigt, wohin das führt: zum Völkermord an der Bourgeoisie,
begangen durch die noblen Henker, die Berufsrevolutionäre,
die als Anwälte des Proletariats auftreten. Heute sind wir
von einer solchen Anwaltschaft abgerückt und bevorzugen die
Idee der Selbstorganisation an der Basis. In Zeiten des Massenelends
konnte das Anwalts- oder Tribunenmodell vielleicht noch plausibel
sein. Heute arbeiten wir mit Vernetzungsfiguren und gehen von selbstorganisierten
Einheiten aus.
Sind Sie sicher, dass das für alle Strömungen
innerhalb der Linken gilt?
Es gilt mit Sicherheit für die alternative Regenbogenkultur.
Kann sein, das Paläostalinisten und alte ML-Kader sich in
dieser bunten Szene nicht wiederfinden, aber was soll's. Negri
hat in "Empire" probiert, paläolinke Motive mit
den neolinken Ansätzen zu kombinieren, ohne überzeugendes
Ergebnis. Er hat nur die Masse in die Menge umbenannt und einen
neuen Fetisch geschaffen. Den Regenbogen als alternatives Proletariat.
Multitude als Formel der Ausrede?
Ich würde es anders bewerten. Negri tut zunächst nur,
was Linksradikale chronisch tun, er setzt die Suche nach dem Subjekt
der Revolution fort. Dabei kommen ihm zwei Einsichten in die Quere:
Das Subjekt ist nicht eines, sondern viele. Damit kann er fürs
Erste leben. Zusätzlich stellt sich heraus, dass Revolution
ein überholter Begriff ist, weil der Kapitalprozess und das
Empire immer schon revolutionärer sind als ihre Gegner. Auch
hier tut Negri so, als könne er mit dieser Erkenntnis leben,
doch in Wahrheit annulliert seine Position. Er muss sich mit dem
Schein der Zeitgemäßheit begnügen, indem er den
Hymnus von Marx auf die umwälzende Macht der bürgerlichen
Klasse auf den heutigen Stand bringt.
Der kleine Haken: Die Bourgeoisie wollte und will nicht revolutionieren.
Doch, da es zwei Typen von Revolution gibt, die erotische Revolution
des Bürgertums, die giergetrieben ist, und die thymotische
Revolution der Armen, die nur funktioniert, wenn sie stolzgetrieben
bleibt. Marx hat die Gierrevolution der Bourgeoisie nicht umsonst
so lebhaft gefeiert und zugleich behauptet, dass sie nicht genügt.
Denn die linke Revolution macht man nicht im Namen der Gier, sondern
des Stolzes und seiner beiden moralischen Derivate, des Zorns und
der Empörung. Ziel solcher Revolutionen war es, die Erniedrigten
und Beleidigten mit Subjektwürde auszustatten. Das sind Ermächtigungsbewegungen,
durch die der rote Faden des proletarischen Thymos läuft:
Würde durch Arbeit! Würde durch Kampf! Sobald die Linke
aber ihrerseits Gierpartei wird, wie bei uns überall, implodiert
sie und wird Teil der totalen Mitte.
Wobei wir wieder bei den Studentenprotesten und den brennenden
Autos in den Banlieues wären. Dann geht es doch um Zukunftschancen,
um Verlangen nach Arbeit?
Da bin ich nicht so sicher. Wenn man die Beschreibungen der Protagonisten
zugrunde legt, ging es in den Banlieues größtenteils
um eine Form von Spaßrandale vor dem Hintergrund einer fürchterlichen
sozialen Aussichtslosigkeit. Durch die Fernsehbilder wurde dank
mimetischer Infektion eine Welle von Gewaltspielen ausgelöst
- Autoanzünden mit Hilfe einer Volksausgabe von Molotowcocktails,
1.500 Brandstellen in einer Nacht.
Also ging es um Aufmerksamkeit der Beleidigten?
Ja, aber nicht im Sinn des Verlangens nach Würde, denn das
ergäbe ein Projekt, das einen langen Atem verlangt. Es ging
mehr um eine Sofortgratifikation für ein vandalisches Spektakel.
Da findet man die modernen Medien in einem schuldhaften Bündnis
mit den schlimmsten Tendenzen. Die Aufmerksamkeitsprämien
sind immer am höchsten, wenn die Handlungen am scheußlichsten
sind.
Womit sollte eine zivilisierende Linke dieses Anreizsystem ändern?
Die einzige Lösung des Problems würde darin bestehen,
dass man die Marginalisierten in eine sinnvolle eigentumswirtschaftliche
Dynamik einbezieht.
Also doch Arbeit für alle?
Ja, aber nicht im Sinne einer Festanstellung auf Lebenszeit. Man
muss aus Kämpfern Unternehmer machen, es ist dieselbe Energie.
Befriedigungseffekte treten auf, wo es entweder Positionen in der
Arbeitswelt gibt oder sich die Leute selber Positionen auf einer
Ehrgeizleiter schaffen.
Die Kinder müssen von der Straße?
Natürlich, Kinder von der Straße und Väter weg
von Puff und Kneipe. Dies gelingt am besten durch breit angelegte
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, und die beste Arbeitsbeschaffung
läuft nach wie vor über Ökonomie des Eigentums.
Wie wollen Sie das den Verlierern dieser Gesellschaft denn
vermitteln? Fördern und fordern etwa?
Sehen Sie, wir haben doch strukturell nur drei Existenzformen:
Unternehmer, Arbeitnehmer, Arbeitslose. Einen Unterschied, der
einen Unterschied macht, gibt es nur bei den Arbeitslosen: Die
einen werden passiv, die anderen zu Kriegern. Wenn sich Ressentiment
und Kampfeslust treffen, rutschen die Aktivisten leicht in die
faschistoide Position. Auch der Bürgerkrieg schafft Positionen.
Es hat ja nicht nur der Krieg noch jeden Mann versorgt, um ein
Diktum von Thomas Hobbes zu zitieren, sondern auch der Bürgerkrieg.
Will man diese Variante ausschalten, bleibt nur die unternehmerische
Alternative.
Sie setzen einiges voraus: souveräne, eigenverantwortliche
Subjekte.
Die Hauptvoraussetzung ist, dass man die Arbeitslosigkeit neutral
betrachtet. Sie ist zunächst ja nur der Ausdruck von zwei
sehr wünschenswerten Entwicklungen, erstens dass Lohnarbeit
nicht mehr für alle den wichtigsten Lebensinhalt ausmacht,
zweitens dass Menschen von Tätigkeiten befreit werden, die
besser von Maschinen ausgeführt werden. In diesem Sinn ist
es eine gute Nachricht, dass die Arbeit weniger wird. Die zivilisierende
Aufgabe der Linken hätte darin bestanden, diese Sicht zu kultivieren.
Die Ersetzung von Menschen durch Maschinen ist absolut bejahbar,
ebenso wie das Absinken der Lebensarbeitszeit innerhalb von 200
Jahren auf ein Drittel, das heißt rund 1.700 Jahresstunden,
bejahbar bleibt. Was wir brauchten, ist ein starkes Kultur- und
Bildungskonzept für die Freigesetzten, verbunden mit Modellen
freier Gemeinschaftsbildung, in denen sich Menschen auch außerhalb
der Arbeitswelt gegenseitig stimulieren und bereichern.
Sie glauben also, dass geldwerter Wohlstand nicht zu sozialem
Frieden führt?
Er befriedet nur die, die ihn haben. Der Kapitalismus geht von
der Prämisse aus, dass Friede auf der Erde entsteht, wenn
alle Menschen in Konsumenten umgewandelt sind. Das ist bestenfalls
eine gefährliche Halbwahrheit. Zum Zivilisierungsprojekt gehört,
dass man Menschen nicht nur als Geschöpfe am Futtertrog sieht,
sondern als Wesen mit Würdeverlangen.
Womit gerade Religionen wieder zum Zuge kämen?
Die Religionen sind bis auf weiteres eher Teil des Problems als
der Lösung. Gäbe es den Weltgeist, würde er jetzt
wohl statuieren: Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen.
Tatsächlich stehen sich auf der großen Bühne zwei
Komplexe gegenüber, die in sich total unausbalanciert sind:
ein übererotisierter, von der Gier verwüsteter Westen,
andererseits ein überthymotisierter, vom Ressentiment verwüsteter
Naher und Mittlerer Osten. Ohne Rebalancierung ist nach beiden
Seiten die globale Selbstzerstörung programmiert.
Wirklich besorgt klingen Sie aber nicht. Sie sind da guter Hoffnung?
Eigentlich ja. Meine Hoffnung ist allerdings auf dem zweiten Bildungsweg
erlernt, gegen meine anfängliche Stimmung. Doch wenn man ziemlich
viel Glück hatte, kann man nicht auf pessimistischen Positionen
herumreiten. Es gibt aber auch intellektuelle Gründe für
gemäßigten Optimismus.
Was veranlasst Sie dazu?
Man kann gewisse Denkfiguren Herders, Hegels und Whiteheads so
umformulieren, dass ein belastbarer Prozessoptimismus entsteht.
In einer dichten Welt - und Dichte ist das Hauptmerkmal unserer
Weltform - steigt die autodidaktische Spannung. Man erlebt, wie
uns die Nebenwirkungen des Handelns immer rascher einholen. Wo
Fatum war, wird Feedback werden. Die Menschheit ist eine verdammte
Selbsterfahrungsgruppe, deren Teilnehmer sich gegenseitig so sehr
unter Druck setzen, dass sie wohl noch im laufenden Jahrhundert
einen halbwegs lebbaren Kodex erarbeiten könnten.
Was in Ihrer Lesart das Gegenteil von einem Warten auf
einen neuen Revolutionsführer wäre?
Revolution und Führer sind kompromittierte Konzepte. Bei dem
Prozessmodell, das mir vorschwebt, hat man es eher mit einer Neuauflage
des von Adam Smith eingeführten Arguments der unsichtbaren
Hand zu tun. Scheinbar sehr naiv, bietet es in Wahrheit einen komplexen
Gedanken im Vorfeld der Kybernetik und der Chaostheorie. Wenn man
Chaostheoretiker und Kybernetiker auf die soziale Evolution ansetzt,
werden sie nach Durchrechnung aller erreichbaren Variablen zu dem
Schluss kommen, dass man unter allen Umständen etwas Besseres
als den Super-GAU erwarten darf. Optimismus als Minimalismus. Mit
dieser Auskunft kann man weiterarbeiten.
" Islam hat keine bessere Moderne
" Optimismus als Minimalismus "
taz Nr. 8159 vom 23.12.2006, Seite 4-5, 604 Interview JAN FEDDERSEN
/ SUSANNE LANG
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