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Peter Sloterdijk

Sturm der Geschichte: Sind Gesellschaften lernfähig?

Sendedatum: 
8. Mai 2011 - 23:45
Gäste: 
Juli Zeh, Schriftstellerin
Daniel Cohn-Bendit, Politiker und Publizist

DAS THEMA

Nach all den Katastrophen und politischen Ein- und Umbrüchen der letzten Monate, nach den von Natur und Menschen gleichermaßen verursachten Verwüstungen und Lebensgefährdungen in Japan und angesichts der andauernden und nach wie vor verblüffenden Umstürze, Rebellionen und kriegerischen Auseinandersetzungen im arabischen Raum halten die Menschen, für einen Moment zumindest, inne. Betroffen von den globalen Wirkungen regionaler Ereignisse beginnen sie, Fragen zu stellen – nach den Folgen, den notwendigen Reaktionen.

Jeder mag für sich selbst Antworten auf die problematische Gegenwart gefunden haben – aber schon da scheint selbstverständlich, dass ein vom Desaster betroffener Japaner zu anderen Einsichten kommt als etwa ein Brite, ein Ägypter zu anderen als ein Bewohner Libyens, ein Flüchtling weniger differenzieren wird als ein Mensch im behaglichen Sessel. Ein Asiate wird womöglich andere Aspekte in den Vordergrund seiner Betrachtung stellen als ein Europäer – schon hier ist deutlich, wie sehr sich beispielsweise Franzosen in ihrer pragmatischen Technik-Gläubigkeit von den zu Alarmismus neigenden Deutschen unterscheiden. Auch ist wahrscheinlich, dass sich Bürger einer freiheitlichen Demokratie zu den Notwendigkeiten einer Umkehr offener und zugänglicher verhalten und verhalten können als Angehörige einer geschlossenen, womöglich diktatorisch beherrschten Gesellschaft. Das gesellschaftliche Sein scheint auch hier das Bewusstsein zu bestimmen.

Dass freiheitlich-demokratische Gesellschaften mit höherer Sicherheit die besseren Problemlösungen aufbieten als andere, gar diktatorisch verfasste Systeme – darf das wohl angenommen werden? In der Bekundung, im Zweifel dem Ausgleich der verschiedensten Individual- und Partikular-Interessen wird die Argumentationsebene breit und transparent, dass sich Mehrheitsmeinungen für das Vernünftige bilden können und nicht ein starker Mann tyrannisch eine Lösung verfügt, der sich zum Vorteil weniger alle anderen unter Zwang beugen müssen. So könnte die Lernfähigkeit von gesellschaftlichen Systemen durchaus auf der vielberufenen „Weisheit der Vielen“ gegründet sein; das wäre gerade in Zeiten von Gefahr und höchster Not ein überzeugendes Votum für die Demokratie.

Dass in freiheitlich-demokratischen Gesellschaften die angemessene Bewirtschaftung schwieriger und angstauslösender Situationen freilich Politiker braucht, die sich solcher Verantwortung stellen, ist auch bei uns durchaus nicht überall im allgemeinen Bewusstsein verankert. Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski wollen mit ihren Gästen Juli Zeh und Daniel Cohn-Bendit die Frage nach der gesellschaftlichen Lernfähigkeit nicht nur im Angesicht der globalen Herausforderungen diskutieren, sondern Erkenntnisnutzen auch aus der Betrachtung unserer politischen Klein- und Heim-Arbeit ziehen.

Denn ist es nicht zum Beispiel so, dass es inzwischen zur guten Gewohnheit neugewählter Landesregierungen gehört, sogleich mit einer neuen Schulreform zu beginnen? Man kümmert sich dann demonstrativ einmal um das Lernen; wie aber steht es um die Lernfähigkeit der Politiker selbst? Hinkt die Politik den in der Gesellschaft zirkulierenden Einsichten hinterher? Oder beeilt sie sich allzu sehr, sich gängige Stichworte vorgeben zu lassen? Die Schnelligkeit bei der Proklamation der Energiewende hierzulande gibt ja nicht nur zur Freude Anlass. In einer beschleunigten Gesellschaft, so eine These der Diskussion, braucht man ein besonnenes, eher konservatives Beharrungsvermögen, das aus gesundem Realitätssinn kommt und vor überstürzten Entscheidungen bewahrt. Politik muss oft schnell reagieren, sich aber auch die Zeit nehmen, lernen zu können. Der mediengestützte Populismus bietet dazu freilich eher schlechte Voraussetzungen.

DIE GÄSTE

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, zählt in die erstaunliche Reihe junger deutscher Schriftstellerinnen, die der „Spiegel“ einmal als „Fräuleinwunder der deutschen Literatur“ erkannte. Nach dem Abitur begann Juli Zeh ein Jurastudium, das sie in Passau, Krakau, New York und Leipzig mit den Schwerpunkten Völkerrecht und Nation Building absolvierte. 1998 legte sie in Leipzig das Erste, 2003, nach einem Praktikum bei den UN in New York, das Zweite juristische Staatsexamen ab. Ihre Dissertation gilt völkerrechtlichen Fragen des Kosovo. Noch während ihres Studiums belegte sie Vorlesungen am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, ihr Diplom erhielt sie im Jahr 2000. Ihr Debüt-Roman „Adler und Engel“ erschien 2001 und wurde bis heute in achtundzwanzig Sprachen übersetzt. Danach publizierte sie in regelmäßiger Folge Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, zuletzt den Roman „Corpus delicti“ (2009) und (gemeinsam mit Ilja Trojanow) „Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. Nahezu alle ihre Werke sind durchzogen von Gedanken um den Antagonismus, von Chaos und Ordnung, von flüchtigem Zusammenhalt und den Normen einer auf Individualisierung und Globalisierung beruhende Gesellschaft, die keine Verantwortlichkeit für die Zukunft einer Weltgemeinschaft mehr erkennen lässt. Juli Zeh ist im Tierschutz engagiert. Ihr schriftstellerisches Werk ist bis heute vielfach ausgezeichnet worden – vom Caroline-Schlegel-Preis für Essayistik (2000) bis zum Carl-Amery-Literaturpreis und dem Solothurner Literaturpreis (beide 2009). Juli Zeh lebt in einem Dorf im brandenburgischen Havelland.

Daniel Cohn-Bendit, 1945 in Montauban/Frankreich als Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren, zählt in seinen beiden Heimatländern zu den bekanntesten politischen Figuren und Publizisten. Schon in jungen Jahren, nach Abitur und einem Studium der Soziologie, machte er sich einen Namen als temperamentvoller und engagierter Verfechter alternativen politischen Handelns. Als Wortführer der rebellischen Studenten wurde er im Pariser Mai 1968 berühmt – eine Rolle, die er neben Rudi Dutschke und später, im „Sponti“-Frankfurt der siebziger Jahre, Joschka Fischer auch in Deutschland übernahm. Von Dany le Rouge, so sein Nom de Guerre in Paris, wandelte er sich zu Dany le Vert, als er sich 1984 den Grünen anschloss und alsbald in der „Realo“-Fraktion der jungen Partei größten Einfluss ausübte. Seit 1994 ist er, abwechselnd als Kandidat der französischen und der deutschen Grünen, Mitglied des Europäischen Parlaments, seit 2002 bis heute als Co-Vorsitzender der Fraktion Die Grünen/Europäische Freie Allianz. Schon vor seiner Herausgeberschaft der heute legendären Frankfurter Sponti-Zeitschrift „Pflasterstrand“ (1978) war er auch publizistisch in vielfältiger Form in Erscheinung getreten, mit zahlreichen Büchern (zuletzt „Heimat Babylon“, mit Thomas Schmid, 2003, und „Quand tu seras président“ mit Bernard Kouchner, 2004), Filmen („C’est la vie“, 1991, und „Die Juden in Frankfurt“, 1993) sowie Fernseh-Auftritten. So moderierte er in der Nachfolge von Elke Heidenreich von 1994 bis 2003 den „Literatur-Club“ des Schweizer Fernsehens, der über 3sat auch in Deutschland populär wurde. Für „herausragende Leistungen zur Entwicklung und zum Verständnis von Multikulturalität und Integration von Minderheiten“ verlieh ihm die Katholische Universität Brabant in Tilburg (Niederlande) 1997 die Ehrendoktorwürde. 2001 erhielt er den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, 2009 den Cicero-Rednerpreis. Er lebt in Frankfurt, ist verheiratet und Vater eines Sohnes.